Brief Nr. JS9 – 20.10.1893
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JS9 20.10.1893
Zürich 20 Oct[ober] [18]93.
Liebe Hedwig!

Vielen Dank für Eure Briefe u. freundliche Einladung, sage den in meinem Namen der lieben Mutter1201Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen noch besonders. Auch wenn ich mein Zürcherleben nicht mit einem tüchtigen Katarrh begonnen hätte, so würde ich doch kaum die lange Abwesenheit von Hause damit schließen, daß ich von Neuem fortliefe.1202Aus den Briefen Johanna Spyris geht hervor, dass sie im Sommer 1893 sehr viel reiste: von Thun über Interlaken nach Finshauts und von da nach Montreux, wo sie Ende August eintraf. Anfang September traf sie in Luzern mit Emmy von Vincke und deren Mutter zusammen, mit welchen sie eine Tour nach Engelberg unternahm, danach fuhr sie zurück nach Montreux, von wo aus sie einen Abstecher nach Suna machte; Johanna Spyri und ihr Werk, 268f.; JS8; Von Vincke-Briefe Nr. 4-7 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen Nun will ich einmal wieder still sitzen u. an's Arbeiten denken.1203Von 1878 bis 1892 erschien jährlich mindestens ein Buch von Johanna Spyri. Diese Folge wird 1893 erstmals unterbrochen, wohl nicht zuletzt durch die lange Abwesenheit Spyris aus Zürich (s.o.). Im darauffolgenden Jahr erscheint Einer vom Hause Lesa, das letzte zu Lebzeiten der Autorin publizierte Werk.schliessen So hier u. dort bin ich aber nicht zum Aufenthalt gewesen, wie du dir [2] einbildest, nach Engelberg hatte ich nun mit deutschen Damen,1204Anfang September 1893 traf Johanna Spyri in Luzern mit ihrer jungen Freundin Emmy von Vincke (1864-1954) und deren Mutter Utta von Vincke-von Dungern zusammen, mit welchen sie einen Ausflug nach Engelberg machte. Emmy von Vincke war die Nichte der Damen Charlotte, Luise und Marie von Vincke, die Johanna Spyri aus Montreux kannte; JS11-13, JS15, JS18, JS23; Von Vincke-Briefe Nr. 4-7 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen denen ich ein Rendezvous in Luzern geben sollte, von da aus eine Tour gemacht, um zusammen den Tag schön zu zubringen; den folgenden fuhren wir zurück, sie dann nach Deutschland, ich nach Montreux. Ich habe diesen Sommer vier deutschen Parthien1205Darunter Emmy von Vincke und ihre Mutter in Luzern sowie Helga und Dr. Berend Wilhelm Feddersen in Montreux. Bei den anderen zwei "Parthien" handelt es sich möglicherweise um andere Mitglieder der Familie von Vincke bzw. von Hohnhorst oder aber um Johanna Spyris "Bremer Freunde" (s. EK78); vgl. das Kapitel zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen Rendez-vous geben können, der einen in Luzern, drei andern in Montreux. Ich fand diese Weise sich zu sehn so angenehm, daß ich allen denjenigen, die mich nun nach Deutschland haben wollen, nur immer diesen Vorschlag zu machen gedenke, es ist so viel einfacher, als in so vielen verschiedenen Häusern zu logieren.

[3] Wie geht es nun in Montreux weiter? Natürlich intereßiert es mich sehr, zu hören, wie Ernst1206Ernst Kappeler (1865-1936), jüngerer Bruder Hedwigs, bis 1893 Vikar im Thurgau, im Winter 1893/94 in Montreux, ab 1894 Pfarrer in Neunforn, nach dem frühen Tod seiner Frau (1905) von 1908-1931 in Zollikon. Ab 1896 verheiratet mit Marie Stephanie van Vloten (1874-1905); ZhPfrB, 372; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen sich in seiner Lage fühlt u. wie es ihm in seiner Thätigkeit geht.1207Ernst Kappeler war im Winter 1893/94 Vikar der deutschen Gemeinde in Montreux. Johanna Spyri, die sich im Herbst 1893 gerade in Montreux aufhielt und sich dort gut auskannte, unterstützte den frisch ankommenden jungen Pfarrhelfer und half ihm eine Unterkunft zu finden; Von Vincke-Briefe Nr. 8 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen Das wäre ja nett, wenn Du mit der Mutter im Frühling hin giengest, aber ich glaube, das selber Haushalten würde Dir doch verleiden. Ernst hat wirklich ganz nette Zimmer, das eine wäre viel zu eng u. klein gewesen, so ist er gerade gut besorgt, die Leute sind auch rechtartig, nicht besonders gebildet, sprechen aber doch recht französisch. Henriette1208Henriette Studer-Kappeler (1856-1916), älteste Schwester von Hedwig. Seit 1880 verheiratet mit Theophil Studer, Professor für Zoologie in Bern; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen sah ich in Bern einen Augenblick auf dem Bahnhof, Ernst hatte ihr geschrieben, ich reise durch, es freute mich so sehr, sie wenn auch nur kurz, doch zu sehen. [4] Was macht auch der kleine Weltbürger Hermann1209Hier meint Johanna Spyri wohl den damals zweieinhalb Monate alten Sohn von Hermann junior und Maria Ida Ernestine Kappeler-Aepli, Alfred Armin, der am 8. August 1893 geboren wurde. Sie geht offenbar davon aus, dass er als Erstgeborener nach dem Vater heisst.schliessen oder heißt er nicht so?

Nun gute Nacht! Ich muß mich zurück ziehen, der Husten treibt mich in's Bett. Du kannst meiner Handschrift ansehen, daß ich immer hust u. mich erschüttere.

Grüße herzlich Mutter u. Ernestine1210Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), ältere Schwester Hedwigs. Seit 1883 verheiratet mit Friedrich Benedikt Brügger, Bürger von Churwalden. Sie starb am 14. Oktober 1897 an einer Bronchitis mit Lungenentzündung; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen u. sei selbst gegrüsst in alter Liebe von deiner
J. Spyri


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