Nun will ich doch sehen, ob ich endlich dazu komme, meinen Brief zu schreiben, zu dem ich mich heut Abend zum dritten Mal hinsetze, nachdem ich gestern u. heute Morgen schon vergebens mein Papier vorgenommen hatte u. jedes Mal wieder verlassen mußte für Besuche, für Bettler, für Bazar-Angelegenheiten,1506Johanna Spyri wirkte jahrelang an der Spitze des "Damencomités" für die "Rettungsanstalt" Friedheim, einer Einrichtung für heimatlose Kinder. Dieses veranstaltete u.a. Bazare zu Gunsten des Friedheims. Zu Johanna Spyris Aktivitäten für das Friedheim vgl. EK71, JS25, JS35, JS50, Von Vincke Briefe 15 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe, sowie Johanna Spyri an Karl Ulrich, 28. Mai 1888, MI 14.schliessen für alles Mögliche, so daß ich halb confus wurde von dem Allem u. sehr ärgerlich, daß ich nicht weiter kam mit meinem Schreiben. Wie war ich erstaunt über Dein großes Packet! [2] Was konnte das in aller Welt enthalten. Als ich dann die schönen schneeweißen Eier entdeckte, war ich sehr erfreut, denn nach frischen Eiern hatte ich mich wirklich gesehnt. Nun eße ich auch zu meinem Frühstück jeden Morgen eines u. zwar mit großer Lust, sie schmecken ausgezeichnet. Habe vielen Dank für Deine Fürsorge, Du hast ja für eine ganze Zeit lang für mich gesorgt. Eßen tue ich wieder ganz recht, sonst bin ich schon noch nicht in rechter Ordnung, ich will nun sehen, wie es etwa kommt, es ist ja natürlich unangenehm, noch einen Doktor zu haben.
Es ist nur gut, daß die unge[3]heure Kälte wieder etwas nachgegeben hat, es war ja unerhört, ich mußte in meinem Schlafzimmer noch am Morgen u. am Abend heizen zur Wärme von der Stube her. Dein Bruder u. seine Frau1507Hier ist nicht klar, welcher von Hedwigs verheirateten Brüdern gemeint ist: entweder Hermann Kappeler mit Maria Ida Ernestine Kappeler-Aepli oder Ernst Kappeler mit Marie Stephanie Kappeler- van Vloten.schliessen waren an einem Abend der letzten Woche bei mir, was mich sehr gefreut hat. Dann war ich letzte Woche einmal in meinen Bazar-Angelegenheiten1508Johanna Spyri wirkte jahrelang an der Spitze des "Damencomités" für die "Rettungsanstalt" Friedheim, einer Einrichtung für heimatlose Kinder. Dieses veranstaltete u.a. Bazare zu Gunsten des Friedheims. Zu Johanna Spyris Aktivitäten für das Friedheim vgl. EK71, JS25, JS35, JS50, Von Vincke-Briefe 15 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe, sowie Johanna Spyri an Karl Ulrich, 28. Mai 1888, MI 14.schliessen bei Hermine,1509Hermine Jänike-Labhardt (geb. 1853), Hedwig Kappelers Cousine mütterlicherseits, Tochter von Natalie Labhardt-Wüest. Seit 1878 mit Konrad Gottlieb Wilhelm Jänike verheiratet.schliessen da wir den Saal auf der Meise1510Zunfthaus zur Meisen beim Zürcher Fraumünster.schliessen haben möchten u. Herr Jänike1511Konrad Gottlieb Wilhelm Jänike (geb. 1851), Commis und Leutnant der Infanterie. Ab 1878 verheiratet mit Hermine Labhardt, Hedwig Kappelers Cousine mütterlicherseits.schliessen ist auf der Meisenzunft. Hermine hat mich dann das Logis1512Konrad Gottlieb Wilhelm Jänike und Hermine Jänike-Labhardt waren mit ihrer Familie von der Gartenstrasse 36 an die Lavaterstrasse 53, beide in Zürich-Enge (eingemeindet 1893), gezogen; Zürcher Adressbücher 1898/99; BB 1892, 254; BB 1904, 345.schliessen gründlich sehen laßen, ich finde es sehr schön, nur die Aussicht ist nicht so schön, wie im alten, aber die Zimmer u. [4] u. [sic!] Treppen viel schöner u. angenehmer. Was macht nun wohl Euer Plan?1513Hier ist wohl der geplante Hausbau gemeint (vgl. JS51). Aline Kappeler Wüest kaufte am 3. Dezember 1900 ein Stück Wiesland vom Frauenfelder Kaufmann Emil Vogler-Augustin und liess sich darauf ein Haus bauen, welches heute noch existiert, Staubeggstrasse 20, Ecke Staubegg-/Ringstrasse in Frauenfeld. Es handelt sich um eine Villa, welche 1901/02 von Albert Brenner erbaut wurde, mit Gartenpavillon (1908) und einem kleinen Marmorrelief über dem Vordach des Eingangs; Grundbuchamt Frauenfeld, Kaufprotokoll, Bd. 29, Nr. 14050; Gebäudeversicherung Frauenfeld 1893ff., Nr. 561; Hinweisinventar Frauenfeld V, Staubeggstr. 20.schliessen Ich denke, der Entschluß wird nun gefaßt sein, dann werdet Ihr nachher recht froh u. ruhig sein, nur die Unentschlossenheit macht unruhig, ist's einmal sicher, was sein soll, dann sieht man Alles anders an, mit Ruhe u. Freude. Ich wünsche für die Mutter1514Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen u. für Dich, daß der Entschluß bald fest stehen möge.
Nun lebe wohl u. auf Wiedersehen, Du kommst gewiß noch bald einmal wieder her, Du hast wohl allerhand Besorgungen noch für die Aussteuer u. was Alles folgt. Grüße die liebe Mutter u. Otto,1515Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen auch die Braut,1516Marie Pauline Stierlin (1877-1954), Braut und spätere Ehefrau von Otto Kappeler; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen wenn sie sich etwa zeigt.
Dir selbst den herzlichsten Gruß von Deiner