Brief Nr. JS51 – 29.12.1900
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JS51 29.12.1900
Zürich 29 Dec[ember] 1900
Meine liebe Hedwig!

Noch habe ich Dir gar nicht gedankt für Deine schöne Weihnachtsgabe, die mir eigentlich ein wenig schwer gemacht hat, darum daß Du mir solche Arbeit machtest, während Du auf alle Seiten so viel zu tun hattest. Nimm meinen herzlichen Dank für Deinen schönen, soliden Schirmschutz, wie auch für das herzige Loosungsbüchlein,1497Ein von der Herrnhuter Brüdergemeine herausgegebenes Büchlein, das für jeden Tag ein Bibelzitat aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament enthält.schliessen das ich täglich brauchen werde. Ich hoffe nur, mein Buchbinder ist so geschickt, mir die folgenden Loosungsbüchlein in denselben Umschlag heften zu können, so daß es mich durch Jahre [2] begleitet. Eben als ich daran dachte, nun mein Paket an Dich bereit zu machen, kam Deine liebe Mutter1498Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen u. bot mir dann an, es selbst mit zunehmen, was ich um des Packens willen gern mache. Das Gemsledertäschchen brachte ich Dir von meiner Herbstreise her u. die Christoterpe1499"Christoterpe", ein Jahrbuch, enthält besinnliche Texte und Gedichte. Hier ist die "Neue Christoterpe" (seit 1880) gemeint, anknüpfend an die von Albert Knapp ab 1833 herausgegebene "Christoterpe, ein Taschenbuch für christliche Leser auf das Jahr [...]" (bis 1853); hier erschienen die ersten Gedichte von Meta Heusser als "Lieder einer Verborgenen"; Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer, 62ff.schliessen möchte ich Dir senden, weil dieß Jahr mehrere Sachen darin sind, die mir sehr wohl gefallen. Meine eigenen kleinen Bücher1500Es könnte sich um eine neuere Auflage der Geschenkausgabe von 1886 handeln, in welcher zehn bereits früher publizierte Geschichten von Johanna Spyri in zehn kleinen Bändchen in einem Schuber erschienen (Johanna Spyri, Geschichten für Jung und Alt im Volk, 10 Bände in einem Schuber, 1. Der Toni von Kandergrund, 2. Beim Weiden-Joseph, 3. Rosenresli, 4. Und wer nur Gott zum Freunde hat, dem hilft er allerwegen, 5. In sicherer Hut, 6. Am Felsensprung, 7. Was Sami mit den Vögeln singt, 8. Moni der Geissbub, 9. Was der Grossmutter Lehre bewirkt, 10. Vom This, der doch etwas wird).schliessen sind nichts Neues, ich legte sie bei, weil ich meine, Du müßtest meine Bücher alle haben. Mutter u. ich haben abgeredet, daß ich zu Euch komme, wenn Euch einmal eine ganz stille Zeit kommt, vielleicht so im Februar, da freue ich mich dann recht, Euch einmal wieder recht zu sehen, auch den Bräutigam u. die Braut.1501Wohl Otto Kappeler und Marie Pauline Stierlin (geb. 1877), welche am 1. Mai 1901 heirateten.schliessen [3] Noch muß ich eine Karte nehmen, ich kann nicht so abrupt abbrechen. Ich hätte hundert Fragen an Dich zu tun, aber wenn man die Aussicht hat, sich in nicht zu ferner Zeit wieder zu sehen, so läßt man lieber die Dinge bis dahin liegen u. freut sich auf den mündlichen Austausch. Dein letzter Besuch hier war so kurz u. dazu noch das Zusammentreffen mit Frau Esslinger1502Wahrscheinlich Emilie Luise Esslinger-Oechslin (1842-1915), seit 1892 Witwe von Hans Konrad Esslinger und Schwägerin von Maria Justine Rahn-Esslinger; BB 1892, 127; BB 1904, 172; Conrad Ulrich, Die Lebenserinnerungen des Conrad Esslinger, 96.schliessen so störend, daß wir gar nicht recht miteinander reden konnten. Nun ist's ja wohl nicht machbar bis nach Neujahr, aber dann vielleicht noch einmal, wenn auch nur kurz. Mein Wohnungswechsel1503Offenbar plante Johanna Spyri einen weiteren Wohnungswechsel, der aber nicht mehr zustande kam. Sie blieb bis zu ihrem Tod am 7. Juli 1901 in den Escherhäusern am Zeltweg 9.schliessen ist nun wieder ganz einge[4]schlafen, ich denke aber doch daran, nur muß ich etwas Angenehmes finden, etwas Besseres, als was ich verlasse. Mich interessiert nur ungeheuer, was Ihr macht u. wo u. wie der Platz u. die Baute sich finden werden.1504Aline Kappeler Wüest kaufte am 3. Dezember 1900 ein Stück Wiesland vom Frauenfelder Kaufmann Emil Vogler-Augustin und liess sich darauf ein Haus bauen, welches heute noch existiert, Staubeggstrasse 20, Ecke Staubegg-/Ringstrasse in Frauenfeld. Es handelt sich um eine Villa, welche 1901/02 von Albert Brenner erbaut wurde, mit Gartenpavillon (1908) und einem kleinen Marmorrelief über dem Vordach des Eingangs; Grundbuchamt Frauenfeld, Kaufprotokoll, Bd. 29, Nr. 14050; Gebäudeversicherung Frauenfeld 1893ff., Nr. 561; Hinweisinventar Frauenfeld V, Staubeggstr. 20.schliessen Ich denke, bis ich Euch besuchen werde, wird Alles entschieden sein u. werden wir den Platz schon miteinander besichtigen können.

Bis dahin nimm meine herzlichen Grüße u. meine beßten Wünsche zum neuen Jahr sammt der lieben Mutter u. Otto1505Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen u. die Bitte, mich in alter Liebe mit in's neue Jahr hinüberzunehmen. Deine
J. Spyri.


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