Brief Nr. JS5 – 26.6.1891
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JS5 26.6.1891
Zürich 26 Juni [18]91.
Liebe Aline:

Schon seit einiger Zeit bin ich wieder da u. hatte im Sinn, in den ersten Tagen an Dich zu schreiben, es drängte mich, Dir selbst und dann auch durch Dich dem schwer heim gesuchten Herrn Dekan Aeppli1147Alfred Johannes Aepli (1817-1913), Pfarrer in Gachnang von 1855 bis 1898, 1856-1898 Mitglied des thurgauischen evangelischen Kirchenrates, 1866-1898 Dekan des Kapitels Frauenfeld, Mitglied der thurgauischen evangelischen Synode, 1867-1898 Abgeordneter zur theologischen Konkordatsprüfungsbehörde, 1897 Dr. theol. h. c. der Universität Zürich, Vater von Maria Ida Ernestine Aepli, der späteren Frau von Hedwigs Bruder Hermann Kappeler; HBLS I, 140; Matrikeledition UZH online, Nr. 532; vgl. Stammbäume Henriette Kappeler und Kappeler, Materialien.schliessen meine fraglose Theilnahme an dem Hinschiede der so lange geprüften Frau1148Maria Margaretha Aepli-Ehrensperger (1834-1891), Schwester von Karl Ehrensperger, verheiratet mit Dekan Alfred Johannes Aepli, Pfarrer in Gachnang, Mutter von Maria Ida Ernestine Aepli, der späteren Frau von Hedwigs Bruder Hermann Kappeler (s. auch JS4); HBLS I, 140; Matrikeledition UZH online, Nr. 532; vgl. Stammbäume Henriette Kappeler und Kappeler, Materialien.schliessen auszusprechen. Daß das Ende so schnell, fast unerwartet kam, mochte man der Leidenden, wie auch ihrer Umgebung so herzlich wohl gönnen. Hedwig1149Hedwig Kappeler (1860-1932), Tochter von Oberst Hermann Kappeler und Aline Kappeler-Wüest. In den Jahren 1876 bis 1878 Schülerin an der Höheren Töchterschule in Zürich und Pflegetochter bei der Familie Spyri. Anschliessend verbrachte Hedwig Kappeler ein Jahr in Genf, dann ging sie als Lehrerin nach England. Später engagierte sich Hedwig Kappeler in der bürgerlichen Frauenbewegung. Johanna Spyri blieb sie bis zu deren Tod 1901 eng verbunden und unternahm mit ihr Reisen nach Deutschland und Italien.schliessen hat mir aus England1150Hedwig Kappeler verbrachte offenbar den Sommer 1891 ferienhalber in England, wo sie die Familie Ehrensperger und ihren Bruder Otto besuchte. Karl Ehrensperger, ein entfernter Verwandter aus Frauenfeld, war von 1875 bis 1898 Honorarkonsul in Liverpool. Hedwig hatte während ihres längeren Englandaufenthalts in den Jahren 1879/80 anfänglich bei ihm gewohnt.schliessen die Mittheilung gemacht, mir überhaupt Nachricht von ihren Er[2]lebnißen gegeben, was mich sehr gefreut hat. Nun ist ja bald die Zeit da, da Du sie wieder daheim haben wirst, was dir auch lieb sein wird, ich hoffe für einen oder zwei Tage steigt sie auf der Rückreise noch bei mir ab. Unterdeßen habe ich auch Deinen Sohn Ernst1151Ernst Kappeler (1865-1936), jüngerer Bruder Hedwigs, bis 1893 Vikar im Thurgau, im Winter 1893/94 in Montreux, ab 1894 Pfarrer in Neunforn, nach dem frühen Tod seiner Frau (1905) von 1908-1931 in Zollikon. Ab 1896 verheiratet mit Marie Stephanie van Vloten (1874-1905); ZhPfrB, 372; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien. - Ernst Kappeler stand kurz vor Examen und Ordination und hielt sich offenbar noch in Zürich auf, wo er studiert hatte.schliessen schnell einmal gesehn, was mich sehr gefreut hat. Es kam mir vor, er sehe sehr gut aus, er wird auch ganz männlich nun mit seinem Bart. Noch viel mehr aber hat mich gefreut zu hören, daß er in Gachnang gepredigt hat und daß es ihm dabei ganz gut gegangen ist.1152Dekan Alfred Johannes Aepli, der Vater von Hermann Kappelers späterer Frau Maria Ida Ernestine Aepli, war Pfarrer in Gachnang. Ernst Kappeler stand kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung, er wurde 1891 ordiniert. Vermutlich handelt es sich um eine Probepredigt zwischen dem ersten und zweiten Examen, welche er bei Dekan Aepli in Gachnang hielt. (s. auch JS4).schliessen Wir werden noch unsere Freude an unserm Herrn Pfarrer erleben.

Daß ich auf meiner Reise nach Genf [3] in Bern von der lieben Henriette1153Henriette Studer-Kappeler (1856-1916), älteste Schwester von Hedwig. Seit 1880 verheiratet mit Theophil Studer, Professor für Zoologie in Bern; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen die um die Reise wußte, abgeholt und in ihrer netten Häuslichkeit einen Tag fest gehalten worden bin, weißt du wohl schon lang. Ich habe den kleinen Aufenthalt sehr genossen bei den beiden lieben Leutchen, mit dem Herrn Gemahl1154Theophil Studer (1845-1922), Ehemann von Henriette Studer-Kappeler, Dr. med., Professor für Zoologie, 1891/92 Rektor der Universität Bern, Dr. h. c. der Universitäten Genf und Lausanne. In den Jahren 1874 bis 1876 hatte er als Arzt und Zoologe an der Forschungsreise des deutschen Schiffes S.M.S. "Gazelle" in die Südsee teilgenommen. Die Veröffentlichung des Expeditionsmaterials verschaffte ihm Weltruf als Gelehrter; HBLS VI, 583; Die Dozenten der bernischen Hochschule, 7.1.017.schliessen habe ich mich auch außerordentlich gut unterhalten und mit Henriette ebenso intim, wie immer, Deine Kinder1155Henriette Studer-Kappeler (1856-1916), Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), Hermann (1858-1931), Hedwig (1860-1932), Ernst (1865-1936) und Otto Kappeler (1869-1935); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen stehn mir aber alle so nah, als gehörten sie nahe zu mir, die Söhne1156Hermann (1858-1931), Ernst (1865-1936) und Otto Kappeler (1869-1935). Von den Kappeler-Söhnen stand Johanna Spyri Ernst Kappeler am nächsten (vgl. hierzu die an ihn gerichteten Briefe JS8, JS11-13, JS 18-19, JS22, JS24 sowie EK81 und EK82); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen nicht ausgenommen.

Was hast Du wohl für den Sommer vor? Ich sitze nur still für einmal, obschon diese Frühlingsreise1157Dazu vgl. auch den vorhergehenden Brief (JS4).schliessen mir nicht gut gethan hat. Einmal hatte ich wiederhollt einen rechten Katarrh, dann war [4] meine dänische Freundin1158Helga Josephine Frederikke Feddersen-Kjaer (1852-1936) aus Kopenhagen, Freundin von Johanna Spyri, verheiratet seit 1890 mit Dr. Berend Wilhelm Feddersen (1832-1918), Physiker und Privatgelehrter in Leipzig; Martin Henke, Flinke Funken, 9, 45ff.; NDB V, 40f.schliessen eine Zeit lang krank in Cannes, was mir recht Angst machte, so weit von ihrer Heimat weg und ich allein mit ihr unter der Direktion eines französischen, eines völlig unbekannten Arztes. Viel lieber möchte ich einmal wieder mit Dir und Hedwig und einem Deiner Söhne reisen. Unsere Reise vor dem Jahr war zu nett. Ich bin jederzeit zu einer neuen bereit. Nun lebe wohl und will's Gott auf baldiges Wiedersehen. Grüße mir herzlich Deine beiden Söhne1159Hermann (geb. 1858) und Ernst Kappeler (geb. 1865). Otto Kappeler war damals in England; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen und die liebe Ernestine.1160Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), ältere Schwester Hedwigs. Seit 1883 verheiratet mit Friedrich Benedikt Brügger, Bürger von Churwalden. Sie starb am 14. Oktober 1897 an einer Bronchitis mit Lungenentzündung; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen Von Otto1161Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen wird Hedwig nun Nachricht bringen.1162Otto Kappeler ist zu diesem Zeitpunkt in England.schliessen Laß dir nicht Angst werden durch die schrecklichen Eisenbahnunglücke,1163Vermutlich ist hier die Rede von dem Eisenbahnunglück, welches sich am 14. Juni 1891 in Münchenstein (Kanton Baselland) ereignet hatte. Dabei brach die von Gustave Eiffel erbaute Eisenbahnbrücke über der Birs unterhalb des Dorfes unter einem von Basel her kommenden Zug zusammen. Über 70 Menschen kamen zu Tode, mehr als hundert wurden verletzt; HLS VIII, 850; Basler Jahrbuch 1892, 221-226.schliessen muß es uns treffen, so kann es ja in [4 am Rd.] der nächsten Nähe geschehen, so gut wie in der Ferne, Zufall [3 am Rd.] ist ja weder unser Leben, noch unser Tod. Hoffentlich kehrt [2 am Rd.] Hedwig wohl u. frisch heim.

In alter Liebe u. Freundschaft deine
J. Spyri


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