Brief Nr. JS49 – 23.4.1900
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JS49 23.4.1900
Zürich 23 Apr[il] 1900
Liebe Hedwig!

Dein Brief hat mich recht gefreut, zu danken hattest Du mir ja eigentlich nichts, Du hattest mir mit Deinen Rosen eine Freude gemacht u. kannst immer denken, so werde es wieder sein, wenn Du wieder bei mir erscheinst. Wenn auch durch die Verhältnisse es manchmal so kommt, daß wir uns lange nicht sehn, wie bleiben wir uns doch immer die Gleichen, das wißen u. fühlen wir Beide. Du schreibst mir nun sehr freundlich ich soll Dir versprechen, daß ich Dich rufen werde, wenn ich Dich nötig habe. Daß ich immer [2] Lust habe, Dich zu rufen, wenn ich irgend einer Hilfe, oder auch nur Gesellschaft bedürfte, kannst Du glauben, aber auch daß ich seit Du so oft, u. auf so viele Seiten hin, in Anspruch genommen wirst u. zwar von Deinen Angehörigen, natürlich mit meinen Ansprüchen ein wenig zurück halte. Es ist mir aber eine Freude u. auch eine Beruhigung, zu wißen, daß Du es so haben willst u. ich will auch gern Dich zu Hilfe rufen, wenn ich denken kann, Du seist frei u. nicht gebunden durch zu Hilferufen von Deinen Familiengliedern. Ich begreife wohl, daß durch Eure ausgedehnten Osterspenden die Festtage etwas unruhig verlaufen für Euch. Bei mir war [3] es sehr still, an solchen Festtagen kommt es mir dann besonders still vor. Ich war im Neumünster1488Kirche in Zürich-Hirslanden, gebaut 1836-1839.schliessen in der Kirche, den Kampf um einen Platz im Fraumünster mache ich nicht mit, das widersteht mir, die ganze Sache ist auch eine Mode.1489Am Fraumünster predigte damals der äusserst beliebte Pfarrer Adolf Ritter (1850-1906), welcher die Kirche füllte; für Johanna Spyri, die ihr Leben lang jeglichem Personenkult abgeneigt war, handelte es sich um eine "Mode", die den Kirchenbesuch als solchen in den Hintergrund rückte, was sie entschieden ablehnte; ZhPfrB, 484; vgl. das Kapitel zu Johanna Spyris Religion in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen Von der neuen Vereinigung u. Versammlung, die stattfinden soll, habe ich gelesen.1490Im Dezember 1899 wurde auf Initiative der an einer fortschrittlichen Frauenpolitik interessierten Frauenvereine (der "Union des femmes de Genève" mit Camille Vidart, der "Frauenkonferenzen Bern" mit Helene von Mülinen, der "Union des femmes de Lausanne" mit Marguerite Duvillard-Cavannes und der Zürcher "Union für Frauenbestrebungen" mit Emma Boos-Jegher) ein Dachverband, der "Bund schweizerischer Frauenvereine" (BSF) gegründet. Im März 1900 erging die Einladung an alle schweizerischen Frauenorganisationen, dem Verband beizutreten, ein Ziel, das an der konstituierenden Versammlung am 26. Mai 1900 nur sehr teilweise erreicht werden konnte, zu gross waren die Divergenzen der einzelnen Fauenorganisationen im Bezug auf die zukünftige Rolle der Frau; Beatrix Mesmer, Ausgeklammert - Eingeklammert, 226-233.schliessen Wenn Du dich nicht noch in neue Tätigkeiten außer dem Hause stürzen willst, hast Du gewiß recht. Die Genferdamen kennen das Wort recht gut: Qui trop embrasse, mal étreint, aber es muß nun einmal nach amerikanischem Zuschnitt Alles in's Breite gehen, bis es dann zerläuft.1491Johanna Spyri spielt hier möglicherweise auf die Amerikanerin Dr. Harriet Clisby an, welche in Genf von der amerikanischen Frauenbewegung berichtete und damit die Gründung der "Union des femmes" anregte, deren Vizepräsidentin Camille Vidart wurde. Bei Johanna Spyri stiess die feministisch radikalere Frauenbewegung auf Ablehnung; vgl. das Kapitel zu Camille Vidart in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; Von Vincke-Briefe 10 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen Jetzt leb wohl! Ein kleiner Rückfall von Rheumatismus im rechten [4] Arm ist mir einwenig hinderlich im Schreiben, es ist aber nicht wichtig.

Grüße herzlich die Mutter,1492Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen auch einen Gruss an Bruder Otto,1493Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen Dir selbst so u. so viele u. recht herzliche von Deiner
J. Spyri.


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