Brief Nr. JS37 – 4.6.1898
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JS37 4.6.1898
Zürich 4 Juni [18]98.
Liebe Aline!

Gestern hatte ich mich schon hingesetzt, um Euch zu sagen wie gut ich heimgekehrt bin trotz des klatschenden Regens, da kam ein Herr aus Le[i]pzig mit seiner Begleiterin, einer reifern Nichte, Freunde von Dr: Feddersen's,1414Helga Josephine Frederikke Feddersen-Kjaer (1852-1936) aus Kopenhagen, Freundin von Johanna Spyri, verheiratet seit 1890 mit Dr. Berend Wilhelm Feddersen (1832-1918), Physiker und Privatgelehrter in Leipzig; Martin Henke, Flinke Funken, 9, 45ff.; NDB V, 40f.schliessen von denen sie Grüße brachten u. dann bei mir verharrten bis es zu allem Schreiben zu spät war. Erst fuhr ich also ganz unbelästigt von meinen zwei Herren im Coupé bis Zürich; dann stieg man, vielmehr kam man hier mit einem enormen Sprung aus der Eisenbahn auf die Erde, dann im strömenden Regen zu den Droschken, keine mehr, die Herrn sind schneller. Ich eile also zum Tram,1415Im September 1882 hatte die "Zürcher Strassenbahn" (Rösslitram) ihren Betrieb aufgenommen, war aber in privatem Besitz. 1896 wurde die Gesellschaft von der Stadt übernommen. Die "Städtische Strassenbahn" war der erste kommunale Verkehrsbetrieb Europas.schliessen eben konnte ich einsteigen u. hatte hier als mein Vis-à-vis eine Jungfrau im Knaben[2]mützchen, die aber von vorn gar nicht übel aussieht, ein recht gescheites Gesicht hat. Neben mir entdeckte ich gleich eine alte Bekannte, Frau Heim,1416Emilie Heim-Müller (1830-1911), Sängerin und Witwe des Komponisten Ignaz Heim; HBLS IV, 125.schliessen des Componisten1417Ignaz Heim (1818-1880), ursprünglich Apotheker, dann Musiker und Komponist, seit 1853 Dirigent des Männerchors Harmonie Zürich und weiterer Chöre. Er war Mitglied der Musikkommission des Eidgenössischen Sängervereins und der Zürcher Liederbuchkommission. Heim, der mit Richard Wagner befreundet war, wurde durch seine weitverbreiteten Liedersammlungen für Männer-, Frauen- und gemischte Chöre zum Mittelpunkt des Volksgesanges in der Schweiz; HLS VI, 223.schliessen Gattin. Sie überflutet einem nun gleich mit solcher Unterhaltung, daß ich gar nicht Zeit hatte, mich über den strömenden Regen beim nochmaligen Umsteigen zu ärgern, sondern ganz überraschend schnell beim Pfauen1418Platz in Zürich, auch Heimplatz genannt, da dort seit 1883 ein Denkmal für den Komponisten Ignaz Heim steht.schliessen anlangte u. nun schnell Abschied von meiner unermüdlich an mich hin sprechenden Begleiterin nehmen mußte, ihr wirklich mitten in einem Satz davonlaufend, denn der Tram nimmt keine Rücksicht auf unvollendete Sätze. Der Tag mit Euch verlebt hat mich so gefreut u., daß ich Ernestinens1419Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), ältere Schwester Hedwigs. Seit 1883 verheiratet mit Friedrich Benedikt Brügger, Bürger von Churwalden. Sie starb am 14. Oktober 1897 an einer Bronchitis mit Lungenentzündung; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen herziges Kindlein1420Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen nun noch einmal so recht bei Euch gesehen habe, bleibt mir in besonders lieber Erinnerung, wer weiß wie u. wann ich es wieder sehen werde.

[3] Ich hoffe freilich herzlich mit Euch, die Sache möge sich noch besser gestalten, als es jetzt den Anschein hat. Es ist ja dem lieben Gott ein Leichtes, plötzlich einzugreifen, wenn vor Ihm ein Weg nicht zum Guten führt. Wenn etwas Neues eintreten sollte, ich meine in jedem Sinn, auch daß Ihr dann wirklich das Kindlein1421Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen übergeben müßt, so schreibt mir's Hedwig1422Hedwig Kappeler (1860-1932), Tochter von Oberst Hermann Kappeler und Aline Kappeler-Wüest. In den Jahren 1876 bis 1878 Schülerin an der Höheren Töchterschule in Zürich und Pflegetochter bei der Familie Spyri. Anschliessend verbrachte Hedwig Kappeler ein Jahr in Genf, dann ging sie als Lehrerin nach England. Später engagierte sich Hedwig Kappeler in der bürgerlichen Frauenbewegung. Johanna Spyri blieb sie bis zu deren Tod 1901 eng verbunden und unternahm mit ihr Reisen nach Deutschland und Italien.schliessen dann wohl, Ihr wißt ja, wie herzlich ich an dem Fortgang dieser Sache Teil nehme.1423Nach dem frühen Tod von Hedwigs Schwester Ernestine Brügger-Kappeler am 14. Oktober 1897 musste für die drei Kinder gesorgt werden. Die damals erst einjährige Alice kam vorerst zu Hedwig und deren Mutter Aline Kappeler-Wüest, die beiden älteren, Georg und Fanny, blieben vermutlich beim Vater. Offenbar gab es im Laufe der Zeit bezüglich der Unterbringung namentlich der kleinen Alice Differenzen mit Friedrich Benedikt Brügger (vgl. JS33, JS35, JS38, JS39, JS42).schliessen Bis Ende nächster Woche bleibe ich jedenfalls noch hier, vielleicht noch länger, ich habe keinen Zug fort zu gehen, gerade jetzt, da es endlich schön werden will u. doch muß ich denken, nachher wird es schnell heiß in Bex.1424Kurort im Kanton Waadt.schliessen Die Briefe erhalte ich auch dort durch meine Adresse hier, ich gebe sie ab auf der Post, wenn ich fort gehe. Nun herzlich adieu u. auf Wiedersehen! Diesen Augenblick erhalte ich Hedwig's Karte, herzlichen Dank dafür.1425An dieser Stelle wechselt der Adressat des Briefes: während Johanna Spyri den ersten Teil des Briefes an Aline Kappeler-Wüest richtet, schreibt sie ab hier an Hedwig.schliessen Antworten [4] will ich Dir dann auch liebe Hedwig, jetzt möchte ich meinen Brief abgehn laßen, so siehst Du, daß ich ganz gut heimgekommen bin, auch hat mir der Regen wirklich gar nichts getan, ich habe so gar keine andere, als eine sehr wohltuende Erinnerung von dem ganzen Tage u. unserem Zusammensein in Liebe u. Verständniß. Das muß ich noch sagen, liebe Hedwig, wenn wir etwas tun können, um Schlimmes zu verhüten, sollen wir es gewiß tun, wo uns aber kein Weg offensteht, einzugreifen, da können wir gar nichts, als Alles dem lieben Gott übergeben, dazu dürfen wir ja immer beten, daß Er uns einen Weg auftue, wenn es nach seinem Willen ist, daß wir handeln sollen, wo uns das Herz dazu drängt. Für heute adieu! Gieb dem kleinen vergnügten Gesichtchen einen Kuß von mir u. Aliceli1426Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen soll mich dann auch wieder kennen, wann ich wieder komme. Von jener armen todt gefundenen Frau hatte ich nichts gelesen. [1 am Rd.] Ist auch Otto1427Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen gut heimgekommen? Ich hoffe es. Einen freundlichen Gruß an ihn.

[4 am Rd.] Auf ein fröhliches Wiedersehen,
Eure J. Spyri.


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