Brief Nr. JS34 – 31.12.1897/2.-3.1.1898
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JS34 31.12.1897/2.-3.1.1898
Zürich 31 Dec[ember] [18]97.
Meine liebe Hedwig!

Einen letzten Gruß im alten Jahr muß ich Dir durchaus noch schicken, kam ich doch auch Weihnachten nicht dazu, obschon ich es im Sinn u. Herzen hatte. Ich durfte mich nur an meinen Schreibtisch setzen, so kam sicher Jemand u. ich konnte wieder aufstehn. Aber gedacht habe ich Eurer viel u. mit tiefer Herzlichkeit, was haben diese Tage Euch an lieben u. wieder furchtbar schmerzlichen1386Hedwigs ältere Schwester Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897) war am 14. Oktober 1897 an einer Bronchitis mit Lungenentzündung gestorben.schliessen Erinnerungen bringen müssen!

Am 2 Jan: 98. Du siehst, wie weit ich gekommen bin am Altjahrabend, liebe Hedwig! Nun will ich Dir vor Allem meine herzlichsten Wünsche zum angetretenen Jahr aussprechen, Dir u. der lieben Mutter1387Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen [2] u. auch dem Bruder Otto.1388Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen

Am 3. Jan: Montag Abend. Jetzt will ich nur gern sehen, ob ich in diesem Monat noch dazu komme, meinen Brief an Dich zu beenden. So still es sonst bei mir zugeht, so unruhig war es nun diese paar Tage, immerzu Bettler, Gratulanten u. alle möglichen Menschen mit allen möglichen Anliegen an der Tür. Gestern trat, als ich eben noch an Dich weiter schreiben wollte, auch der Packträger so parfümiert bei mir ein, daß ich ganz angenehm überrascht war, denn alle diese Menschen an der Tür waren gar nicht in demselben Fall. Es war Dein Päckchen, das mir so entgegen duftete. Daß Du noch daran dachtest, wie gern ich den Parfüm dieser Seife hatte! Nein gewiß, dieß Geschenk lege ich nicht in den Kasten, [3] sondern werde es sofort mit Wohlgefallen brauchen. Nimm meinem besten Dank dafür, es ist mir etwas so Erfreuliches. Auch der Mutter meinen herzlichen Dank für die Photographie, die ich sehr gut finde. Daß Du jetzt keine Arbeiten machen konntest, ist doch sehr begreiflich, kein vernünftiger Mensch würde solche von Dir erwartet haben. Wie viel andere Arbeit hast Du nun zu bewältigen! Daß Ihr die Kleine1389Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen so entzücken konntet, war doch eine rechte Freude auch für Euch. Die Mutter wird wohl noch bei Sohn u. Tochter in Neunforn1390Gemeinde im Kanton Thurgau, in welcher Ernst Kappeler 1894 zum Pfarrer gewählt wird und fortan wohnt, ab 1896 zusammen mit seiner Frau Marie Stephanie van Vloten (1874-1905).schliessen sein, das tut ihr gewiß gut u. bringt ihre Gedanken auch wieder in etwas andere Bahnen.1391Aline Kappeler-Wüest trauert um ihre Tochter Ernestine Brügger-Kappeler, welche am 14. Oktober 1897 an einer Lungenentzündung verstorben ist.schliessen Wills Gott kommt sie nun nach u. nach wieder mehr zur Ruhe. Daß es Georg1392Georg Brügger (1883-1901), Sohn von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger, wohnhaft in Frauenfeld. Stirbt am 8. März 1901 an einem Herzleiden; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen gut geht, ist ja auch für sie so glücklich. Mein kleines italienisches Schächtelchen stand schon seit Ende [4] Oktober für Dich bereit, es ist mir selbst unbegreiflich, daß es so spät erst in Deine Hand gelangen sollte.

Solltest Du einmal schnell los kommen, so hätte ich herzliche Freude, Dich einmal wieder zu sehen u. ein wenig mit Dir sprechen zu können, es ist doch so anders, als das Schreiben.

Der liebe Gott sei mit Dir u. den Deinen fühlbar durch das angetretene Jahr u. lasse den schweren dunkeln Tage[n] auch die sonnigen wieder folgen.

In alter treuer Liebe
Deine J. Spyri


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