Brief Nr. JS22 – 7.3.1896
Zurück zum Register
4 Vorkommen in diesem Brief
Eintrag drucken
JS22 7.3.1896
Zürich 7 März [18]96.
Mein lieber Freund:1304Dieser Brief ist an Ernst Kappeler gerichtet.schliessen

Vor Allem will ich Ihnen nun sagen, daß Ihre liebe Braut,1305Marie Stephanie van Vloten (1874-1905), Braut und spätere Ehefrau von Ernst Kappeler; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen das feine, nette, natürliche Mädchen, mir gleich das Herz abgewonnen hat. Sie haben ja schon Recht, die Bekanntschaft mit dem ganzen Innern des Menschen, kann in so kurzer Zeit nicht gemacht werden, aber etwas davon kommt in der ganzen Erscheinung u. jedem Worte zum Vorschein u. berührt uns in einer Weise, durch die wir das Sympatische, Verwandte, oder das Entfremdende gleich heraus [2] fühlen, wenigstens bei mir ist dieß immer u. in sehr eindrücklicher Weise der Fall. Daß es mir aber gar nicht einerlei war, was für eine Frau mit Ihnen durch das Leben gehen sollte, das wissen Sie wohl u. können sich darum auch gut vorstellen, welche Freude ich habe, daß Ihre liebe Braut so ist, wie sie ist.

Daß Sie sich einwenig auf die bevorstehende Reise1306Es handelt sich um die Hochzeitsreise von Ernst Kappeler und Marie Stephanie van Vloten, welche am 21. September 1896 heiraten.schliessen vorbereiten wollen, finde ich sehr richtig, man hat einen sehr viel tiefern Genuß, vor Natur u. Kunstgegenstände hin zu treten, wie vor Freunde, nach denen wir uns gesehnt haben, als wie vor ganz fremde Dinge. Wenn Sie nun zwischen Ende August u. dem 20ten September zu reisen gedenken, so [3] wäre Italien freilich noch sehr heiß, ich denke mir, Sie möchten doch auch den Süden, Rom u. Neapel sehen, nicht nur die Teile des Landes, wo es ja wohl auszuhalten ist, wie an den Seen, auch Florenz noch. In Venedig, wo wir einmal so um Mitte September ankamen u. einige Tage blieben, haben uns die kleinen Stechmücken (Zansaren,) so zugerichtet, daß will1307Vermutlich ein Verschrieb von Johanna Spyri, gemeint ist wohl "wir".schliessen völlig aussahen wie Masernkranke, von Schlafen war keine Rede mehr. Das ist nun freilich auch die Stadt der Lagunen. Aber ohne solche Mückenplage könnten Sie die herrliche Reise durch Ober-Italien so machen: Durch den Arlberg nach Insbruck, Hier ist schon Schönes zu sehen, Hotel Sonne logieren. Dann nach Botzen, Trient, Ala, da aussteigen u. hinüber fahren, da ist [4] immer ein Omnibus, nach Riva Hôtel du Lac. Hier das Dampfschiff nehmen nach Desenzano, nämlich über den Garda-See. Dann nach Verona u. Mailand. Von hier an die Seen Maggiore, Lugano, Como u. alle schönen Orte umher, sich niederlassen, wo es schön ist, ruhen u. träumen u. nicht zu sehr sich ermüden, das nützt nichts. Natürlich für England wäre der September ja ein herrlicher Monat, aber weit ist es freilich u. dann die tückische Seefahrt mit Seekrankheit im Hintergrund. England kennen zu lernen ist ja sehr intereßant, nur für eine Hochzeitsreise einwenig anstrengend. Ja wenn Sie gleich nach der Insel Wight fahren u. dort still ihre Schönheiten genießen wollten. Aber Sie wollten dann doch London sehen u. Windsor u. Richmond u. die Schlösser u. die Seen et tout ce qui-s'en suit. Für die Zeit wär's viel, machen Sie sich alle Beide nicht zu müde! [4 am Rd.] Wohin Sie auch reisen, werde ich Sie mit dem herzlichsten [3 am Rd.] Interesse begleiten. Ich hoffe freilich, Sie vorher [2 am Rd.] noch zu sehen.

Grüßen Sie mir Ihre liebe Braut [1 am Rd.] u. empfangen Sie selbst einen herzlichen Gruß von Ihrer
J. Spyri


Zurück zum Register