Brief Nr. JS19 – 25.12.1894
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JS19 25.12.1894
Zürich 25 Dec[ember] [18]94.
Mein lieber Freund:1283Dieser Brief ist an Ernst Kappeler gerichtet, seit dem 8. April 1894 Pfarrer in Neunforn.schliessen

Vielen Dank für Ihre freundliche Karte u. ihre lieben Worte. Ich hatte so lange keinen direkten Verkehr mehr mit Ihnen gehabt, daß es mir eine rechte Freude war, einmal wieder Ihre Handschrift zu erblicken. Daß es Ihnen gut geht u. Sie sich in Ihrer Tätigkeit glücklich fühlen, höre ich ja wohl durch Hedwig,1284Hedwig Kappeler (1860-1932), Tochter von Oberst Hermann Kappeler und Aline Kappeler-Wüest. In den Jahren 1876 bis 1878 Schülerin an der Höheren Töchterschule in Zürich und Pflegetochter bei der Familie Spyri. Anschliessend verbrachte Hedwig Kappeler ein Jahr in Genf, dann ging sie als Lehrerin nach England. Später engagierte sich Hedwig Kappeler in der bürgerlichen Frauenbewegung. Johanna Spyri blieb sie bis zu deren Tod 1901 eng verbunden und unternahm mit ihr Reisen nach Deutschland und Italien.schliessen oder durch die Mutter,1285Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen aber so recht gründlich vernehmen, wie Ihr Leben sich in Ihrer Gemeinde gestaltet, das werde ich dann erst einmal durch Sie selbst, worauf [2] ich mich recht sehr freue. Ob ich Sie nicht einmal für einen, oder besser ein paar Tage hier bei mir sehen werde, nun der Frühling noch etwas fern liegt, da ich dann mit Freuden einmal Ihr Pfarrhaus aufsuchen werde? Wir haben gar zu lange unsere Gespräche nicht mehr aufnehmen können, die doch immer recht lebendig waren u. die ich mir zur Fortsetzung recht herbeiwünsche.

Ihr Buch1286Vermutlich Gustav von Schulthess-Rechberg, Der Gedanke einer göttlichen Offenbarung, Zürich 1893; ZhPfrB, 518.schliessen von unserem lieben v. Sch[ulthess]1287Vermutlich Gustav von Schulthess-Rechberg (1852-1916), Dr. theol. h. c., 1885 Privatdozent, ab 1890 ordentlicher Professor für Systematische Theologie und Dogmengeschichte an der theologischen Fakultät der Universität Zürich, 1899-1916 Kirchenrat, Lehrer von Ernst Kappeler; ZhPfrB, 518.schliessen sende ich Ihnen mit vielem Dank zurück. Das muß ich schon sagen, daß ich nicht Wort für Wort gelesen habe, es ist für mich darin doch ziemlich viel Unverständliches, aber das wärmste Interesse behalte ich für diesen lieben, idealen Menschen.

[3] Schon lange hatte ich im Sinn, in Ihre Bibliothek einiges zu stiften. "Am Sonntag"1288Johanna Spyri, Am Sonntag, 1881.schliessen besitze ich selbst nicht mehr u. warte ab, ob ich noch etwas Ähnliches mitzugeben finde, die kleinen Bücher allein heraus zu geben, freut den Verleger1289Emil Friedrich Perthes (1841-1910), seit 1878 Johanna Spyris Verleger in Gotha, Leiter des Verlags "Friedrich Andreas Perthes".schliessen nicht so recht, er möchte etwas dazu haben. Daß "die Goldhalde u. Leuchtensee"1290Johanna Spyri, 1. In Leuchtensee, 2. Wie es mit der Goldhalde gegangen ist, in: Volksschriften von Johanna Spyri, zweiter Band, 1891.schliessen so wie der "goldene Spruch"1291Johanna Spyri, Ein goldener Spruch, in: Zwei Volksschriften, 1884.schliessen nicht für Kinder sind, wissen Sie vielleicht noch, dagegen sind sie für alles Volk verständlich. Ich hoffe, die Kinder Ihres Dorfes finden ihre Freude an den Geschichten. Es tut mir leid, daß der Verleger nicht neue zehn der kürzeren Geschichten in kleinen Kastenbändchen heraus geben will, wie die andern zehn erschienen sind,12921886 erschienen erstmals zehn bereits früher publizierte Geschichten von Johanna Spyri als Geschenkausgabe in zehn kleinen Bändchen in einem Schuber mit einer Umschlagsillustration von Wilhelm Claudius (Johanna Spyri, Geschichten für Jung und Alt im Volk, 10 Bände in einem Schuber, 1. Der Toni von Kandergrund, 2. Beim Weiden-Joseph, 3. Rosenresli, 4. Und wer nur Gott zum Freunde hat, dem hilft er allerwegen, 5. In sicherer Hut, 6. Am Felsensprung, 7. Was Sami mit den Vögeln singt, 8. Moni der Geissbub, 9. Was der Grossmutter Lehre bewirkt, 10. Vom This, der doch etwas wird).schliessen aber er hat hundert Einwendungen dagegen, auch für das Publikum, [4] das darin dann neue Geschichten erwarten u. sehr enttäuscht sein könnte. Er selbst hat wahrscheinlich den kleineren Gewinn dabei, darum will er nicht.

Nun werden Sie wieder allein sein, Hedwig wird heute heim reisen, vielleicht können Sie an den Neujahrstagen auch einmal die alte Heimat besuchen.

Wie mir Hedwig schrieb, ging es Ihnen über die Festtage recht gut, trotz der vielen Predigten, die Sie zu halten hatten. Ich hoffe nur, Sie leben sich immer fester u. näher in Ihre Gemeinde ein u. finden unter den Gliedern auch etwa solche, die Ihnen etwas zu bieten haben, daß Sie nicht immer der Gebende bleiben müssen. Nun leben Sie wohl u. lassen Sie mich Gutes von Ihnen hören!

Mit herzlichem Gruß bleibe ich
[4 am Rd.] Ihre J. Spyri


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