Obschon ich absolut nicht sicher bin, Dich im Pfarrhaus Neunforn1269Gemeinde im Kanton Thurgau, in welcher Ernst Kappeler 1894 zum Pfarrer gewählt wird und fortan wohnt, ab 1896 zusammen mit seiner Frau Marie Stephanie van Vloten (1874-1905).schliessen zu finden, so will ich doch versuchen, ob mein Brief Dich dort treffen werde. Du hast mir nie bestimmt gesagt, wann Du dorthin gehn u. wie lange Du bleiben werdest, so muß ich nun versuchen, ob mein Brief Dich treffen wird. Bist Du aber im Hause des neuen Herrn Pfarrers,1270Ernst Kappeler (1865-1936), jüngerer Bruder Hedwigs, bis 1893 Vikar im Thurgau, im Winter 1893/94 in Montreux, ab 1894 Pfarrer in Neunforn, nach dem frühen Tod seiner Frau (1905) von 1908-1931 in Zollikon. Ab 1896 verheiratet mit Marie Stephanie van Vloten (1874-1905); ZhPfrB, 372; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen so möchte ich doch wirklich gern wissen, wie es Dir u. ihm geht. Du weißt ja, welches Intereße ich für Dein wie für sein Leben habe u. wie ich gespannt bin, zu hören wie das Leben eines neuen Amt- u. Pfarrherrs sich gestaltet u. ob Du [2] da weil[st] u. auch noch bleibst? Du hast in dem stillen Pfarrhausleben gewiß wohl Zeit, mir einwenig zu erzählen, was Ihr lebt u. wie der junge Pfarrer seine Gemeinde u. seine Verhältniße findet, was Ihr treibt u. lebt u. ob Ihr auch schon Nachbar-Pfarrleute gefunden habt nach Euren Herzen. Du kennst doch mein warmes Interesse u. brauchtest nicht so geizig mit Deinen Nachrichten zu sein. Ich sitze immer in meiner Stube hinter Vorhängen in Staub- u. Malergeruch. Das ganze Haus wird nieder geputzt u. dann gemalt, seit drei Wochen kann ich nach vorn kein Fenster recht öffnen u. wenn noch drei vorbei sind, wird dasselbe hinten am Haus angehen. Es ist ganz grauslich. Unterdessen freust Du Dich gewiß mit Ernst der schönsten ländlichen [3] Sonn- u. Blüthen-Herrlichkeit, die Bäume blühen ja überall so schön! Ich denke mir Eure Gegend recht mit Obstbäumen besät, also jetzt im allerschönsten Moment. Ob Ihr auch schon nette Leute entdeckt habt in Eurer Gemeinde u. Nachbarschaft? Ob Ihr viele Gänge zusammen macht? Seid Ihr auch schon in Schaffhausen gewesen? Das wird aber nicht so nah sein. Von Frauenfeld weiß ich nichts mehr, seit die Mutter1271Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen hier war, hoffentlich ist endlich Alles hergestellt. Hermine1272Hermine Jänike-Labhardt (geb. 1853), Hedwig Kappelers Cousine mütterlicherseits, Tochter von Natalie Labhardt-Wüest. Seit 1878 mit Konrad Gottlieb Wilhelm Jänike verheiratet; vgl. Stammbaum Wüest, Materialien.schliessen war einmal bei mir u. hat mir von dem Schwager1273Evtl. handelt es sich um den älteren Bruder von Gottlieb Wilhelm Jänike, Emil Jänike (geb. 1850), Techniker und später Mathematiklehrer, heiratete 1894 Karoline Emilie Schneider (geb. 1863); BB 1892/1904.schliessen erzählt, der entweder teuflisch boshaft oder reif für das Irrenhaus ist.
Erzähl mir doch nur bald ein wenig von Eurem Leben u. grüße mir den Herrn Pfarrer von Neunforn herzlich, wie auch Dich selbst grüßt Deine