Brief Nr. JS13 – 31.1.1894
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JS13 31.1.1894
Zürich 31 Jan[uar] [18]94
Mein lieber Freund:1241Dieser Brief ist an Ernst Kappeler gerichtet, der im Winter 1893/94 als Vikar der Deutschen Gemeinde in Montreux tätig ist.schliessen

Es hat mich sehr gefreut, wieder von Ihnen zu hören u. zu vernehmen, daß es ihnen immer gut geht in jedem Sinn in meinem lieben Montreux. Vielen Dank auch für den Kirchenfreund,1242"Der Kirchenfreund", Zeitschrift der positiv-biblischen Richtung, herausgegeben von Hans Conrad von Orelli (1846-1912), über den Ernst Kappeler 1916 eine Biographie schreibt; ZhPfrB, 460; BBKL VI, Sp. 657-659. - Im Kirchenfreund von 1893 (Nr. 27) findet sich ein Nekrolog von Orellis über den Theologen Philipp Schaff (1819-1893), den lebenslangen Freund von Meta Heusser; Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer, 258-267.schliessen den ich gleich mit Interesse durchgelesen habe. Auch den Jahresbericht Ihrer Gemeinde, den ich behalte, ich denke, Sie verlangen ihn nicht zurück.

Ja es sind manchmal sonderbare Erscheinungen unter den zahlreichen Damen, die als Wintergäste in Montreux sitzen, seien sie nun Russinnen, Norddeutsche oder oder [sic!] noch andere Nationalitäten [2] u. mit noch so großen Namen in Verbindung wie Tolstoi u. Andere mehr. Uebrigens halte ich den Tolstoi selbst für etwas überschnappt. In Montreux fand sich jederzeit eine so zusammen gewürfelte Gesellschaft vor, daß man immer gut that, sich etwas zurückhaltend zu benehmen. Das finde ich recht nett, daß Sie neben diesen Erscheinungen allen, dann auch wieder einfache Landleute zu besuchen haben u. auch das Krankenhaus, da grüßen Sie mir nur Schwester Rosalie1243Rosalie Bräuchli, Diakonisse von Saint-Loup, "Soeur directrice" des Krankenhauses von Montreux; Autrefois Montreux s'appelait Vernex, 82.schliessen recht freundlich u. sagen Sie ihr, anstatt zu schreiben, wollen wir dann einmal wieder miteinander recht eingehend sprechen, Frühjahr oder Herbst sehen mich wohl wieder in Montreux, dieß Jahr glaube ich zwar wirklich, es [3] wird eher der Herbst sein.

Aus Ihrem vorletzten Brief muß ich Ihnen noch etwas beantworten. Es hat mich ja natürlich gefreut, daß Sie solche Freude u. Gewinn an den Briefen meiner Mutter1244Meta Heusser-Schweizer (1797-1876), Arztfrau und Schriftstellerin, Mutter von Johanna Spyri; vgl. Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer.schliessen an ihre Freundin1245Gemeint ist der Briefwechsel zwischen Meta Heusser-Schweizer (1797-1876) und ihrer Freundin Kleophea Zahn-Schlatter (1797-1860), erschienen in: Frauenbriefe von Anna Schlatter, Wilhelmine v. d. Heydt, Kleophea Zahn und der Verborgenen, hrsg. von Adolph Zahn, 1862, wobei es sich bei "der Verborgenen" um Meta Heusser handelt (Anspielung auf die "Lieder einer Verborgenen" von 1858). Meta Heusser war mit der Publikation ihrer Briefe nicht einverstanden und wehrte sich dagegen - in der bereits im Jahr darauf (1863) erschienenen zweiten Auflage der "Frauenbriefe" fehlen ihre Briefe; Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer, 240-247, zur Bibliographie 360.schliessen hatten, das begreifen Sie aber gewiß, daß es meiner Mutter schrecklich war, so ihr Innerstes auf den öffentlichen Markt gebracht zu sehn. Wie viele Menschen lasen denn auch solche Briefe ohne einen Anhauch von Verständniß dafür! Und dennoch will dann jeder darüber sprechen.

Daß Sie meine Vrony1246Johanna Spyri, Ein Blatt auf Vrony's Grab, 1871.schliessen Jemandem geben können, der sich Trost oder Winke daraus ziehen kann, ist mir eine rechte Freude, ich möchte nur wünschen, daß die Dame wirklich etwas darin gefunden hat, das ihr wohlthun kann.

Daß mein liebes Fräulein [4] v. Vincke1247Luise von Vincke (1833-1894), Bekannte von Johanna Spyri aus Montreux, besass zusammen mit ihren zwei unverheirateten Schwestern Charlotte (1830-1912) und Marie (1835-1921) ein Chalet am See, das sie gemeinsam bewohnten. Luise von Vincke war gelähmt. Sie starb am 12.März 1894 in Montreux; vgl. das Kapitel zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; Von Vincke-Briefe in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; JS9, JS11-12, JS15, JS18, JS23.schliessen wieder besonders angegriffen ist, thut mir so leid, ich muß ihr nun wirklich noch einmal wieder schreiben. Daß Sie etwa in meine Pension Buret1248Im "Hotel Victoria - Pension Buret", Rue de la gare 23, ab 7. April 1894 "Hotel Victoria et Pension Barbier" pflegte Johanna Spyri in Montreux abzusteigen; vgl. das Kapitel zu Montreux in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen gehen, freut mich, grüßen Sie mir Frl. Elise,1249Elisa Barbier trat 1894 die Nachfolge von Mme Buret an und führte das Hotel, wo Johanna Spyri jeweils in Montreux wohnte, als "Hotel Victoria et Pension Barbier" weiter.schliessen wenn Sie wieder hingehen. Vielleicht war in jenem Aufsatz vom Allerseelentag etwas gegen die Auffassung der Katholiken gesagt, sie ist nämlich katholisch, sie ist eine Genferin. Wie schön muß es in den letzten Wochen in dem herrlichen Montreux gewesen sein! Der Aufenthalt wird für Sie eine schöne Erinnerung für alle Zeit bleiben.

Ob die Mutter1250Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen im Frühling kommen wird? Ich hätte wohl auch Lust dazu, aber ich werde keine Zeit haben. Ich sehe Sie dann wieder hier bei mir, darauf freue ich mich recht.

Für heute sage ich Ihnen nun [4 am Rd.] Lebewohl u. bleibe mit herzlichen Grüßen Ihre
J. Spyri


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