Brief Nr. JS12 – 19.11.1893
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JS12 19.11.1893
Zürich 19 Nov[ember] [18]93.
Mein lieber Freund:1233Dieser Brief ist an Ernst Kappeler gerichtet, der im Winter 1893/94 als Vikar der Deutschen Gemeinde in Montreux tätig ist.schliessen

Ihr Brief hat mich sehr gefreut u. intereßiert, besonders auch ihr Besuch bei Profeßor B.1234Möglicherweise handelt es sich um Wilhelm Bender (1845-1901), Professor in Bonn; Von Vincke-Briefe Nr. 8-9 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.; JS10-11.schliessen Ob Sie ihn wohl seither wiederholt haben? Ich glaube, Sie werden immer noch eine Seite an ihm kennenlernen. Was er zu ihnen sprach, war ja Alles vortrefflich, gleichwohl glaube ich, daß jener Ausspruch Pastor Wächters1235Eduard Wächter (1865-1947), von 1893 bis 1896 Pfarrer der deutschen Gemeinde in Montreux. Wegen gesundheitlicher Probleme hatte er sich für die Stelle im milden Klima von Montreux beworben. Er war im gleichen Alter wie Ernst Kappeler, aber Inhaber des Pfarramts, also Vorgesetzter des Vikars Kappeler, was die Situation nicht einfach machte. Wächter stand der Erweckungsbewegung nahe und hatte darum Beziehungen zum Waadtländer Réveil. Später wurde er an die Christus-Kirche in Frankfurt berufen, trat aber 1901 aus der evangelischen Landeskirche aus und gründete die freie "Christliche Gemeinde". Er hatte grossen Predigterfolg und publizierte zahlreiche Bücher. Im Alter nahm er in bemerkenswerter Weise gegen das "Dritte Reich" Stellung; BBKL XXXI, Sp. 1419-1425; vgl. auch die Kapitel zu Montreux und zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen über die Anschauungen des Professors, die Sünde betreffend, ganz richtig ist.

Daß Sie einen jungen Menschen zu unterrichten haben, ist gewiß auch für sie ganz gut. Wie Vieles wird uns selbst viel klarer u. sicherer, wenn wir es einem Andern [2] klar zu machen haben. Auf das religiöse Gebiet werden Sie mit Ihrem Schüler unvermerkt kommen, alle Gebiete des Wissens führen immer wieder darauf, wenn man die Dinge in die Tiefe behandelt. Dann werden Sie am leichtesten, wo es so ungesucht kommt, dem Schüler ein Wort in Herz u. Gewissen werfen können. Und wie Ihr eigenes Wesen auf ihn wirkt, das ist die Hauptsache u. treibt zur Arbeit an sich selbst, das ist für den Schüler und den Lehrer wohlthuend. Auch mir mangelt es recht, daß wir nicht, wie ehemals, so von Zeit zu Zeit einen Abend zusammen sitzen u. Alles, was uns gemeinsam intereßiert, zusammen besprechen können. Es wäre mir ein rechter Genuß, wenn ich Ihre Tätigkeit u. Ihre Berührung mit [3] all den neuen Bekannten, die nun Ihren Kreis bilden, so recht eingehend mit Ihnen besprechen könnte. Ich denke, mehr u. mehr werden Sie nun auch die Besuche bei Kranken u. Bedürftigen, äußerlich u. innerlich Bedürftigen, ausdehnen u. dabei allerlei Erfahrungen machen, die gewiß von Wert für Sie sind auf eine Zeit hin, da Sie als alleiniger u. verantwortlicher Seelsorger einer Gemeinde vorstehen werden. Daß Sie zum Pastor1236Eduard Wächter (1865-1947), von 1893 bis 1896 Pfarrer der deutschen Gemeinde in Montreux. Wegen gesundheitlicher Probleme hatte er sich für die Stelle im milden Klima von Montreux beworben. Er war im gleichen Alter wie Ernst Kappeler, aber Inhaber des Pfarramts, also Vorgesetzter des Vikars Kappeler, was die Situation nicht einfach machte. Wächter stand der Erweckungsbewegung nahe und hatte darum Beziehungen zum Waadtländer Réveil. Später wurde er an die Christus-Kirche in Frankfurt berufen, trat aber 1901 aus der evangelischen Landeskirche aus und gründete die freie "Christliche Gemeinde". Er hatte grossen Predigterfolg und publizierte zahlreiche Bücher. Im Alter nahm er in bemerkenswerter Weise gegen das "Dritte Reich" Stellung; BBKL XXXI, Sp. 1419-1425; vgl. auch die Kapitel zu Montreux und zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen in so nettem Verhältniß stehen, freut mich auch sehr für Sie, ich hoffe, die Frau Dekan1237Vermutlich Auguste Wächter-Hauff (1828-1909), Mutter von Pastor Eduard Wächter, Witwe von Carl Theodor Wächter (1820-1888), Dekan des Kirchenbezirks Leonberg, später Kirchheim u. Teck; BBKL XXXI, Sp. 1419-1425; Grabreden 25. Juli 1909 in Kirchheim u.T., gesprochen von Schwiegersohn Pfr. Scholl/Teinach und vom jüngsten Sohn Eduard Wächter von Frankfurt.schliessen macht es Ihnen auch öfters gemütlich in ihrer Häuslichkeit. Einschlafen darf sie schon dabei, der Pastor u. die junge Nichte werden ja die Unterhaltung schon aufrechterhalten. Spricht sie auch etwas die Junge, oder lacht sie nur? Schade, daß ich damals absagen musste, wir [4] waren ja schon zusammen eingeladen beim Herrn Pastor u. der Frau Mama.1238Auguste Wächter-Hauff (1828-1909), Mutter von Pastor Eduard Wächter, Witwe von Carl Theodor Wächter (1820-1888), Dekan des Kirchenbezirks Leonberg, später Kirchheim u. Teck; BBKL XXXI, Sp. 1419-1425; Grabreden 25. Juli 1909 in Kirchheim u.T., gesprochen von Schwiegersohn Pfr. Scholl/Teinach und vom jüngsten Sohn Eduard Wächter von Frankfurt.schliessen Mich freut auch, daß Sie nun mit meiner lieben Kranken1239Luise von Vincke (1833-1894), Bekannte von Johanna Spyri aus Montreux, wohnte zusammen mit ihren zwei unverheirateten Schwestern Charlotte (1830-1912) und Marie (1835-1921) in einem Chalet am am See. Luise von Vincke war gelähmt. Sie starb am 12. März 1894 in Montreux; vgl. das Kapitel zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; Von Vincke-Briefe in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; JS9, JS11; JS13, JS15, JS18, JS23.schliessen so recht bekannt sind, sie ist eine so edle, Gottvertraute Persönlichkeit. Sie freut sich auch, Sie zu sehen, die beiden Damen v. Vincke1240Charlotte (1830-1912) und Marie von Vincke (1835-1921), Bekannte von Johanna Spyri aus Montreux, besassen zusammen mit ihrer gelähmten Schwester Luise (1833-1894) ein Chalet am See, das sie gemeinsam bewohnten; vgl. das Kapitel zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; Von Vincke-Briefe in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; JS9, JS11; JS13, JS15, JS18, JS23.schliessen mögen Sie sehr gern. Ob auch noch neue deutsche Familien aufgetaucht sind für den Winter? Um diese Zeit kommen oft noch Familien und einzelne Kranke, auch nur Gast-Leute aus dem Norden, um bis zum Frühling zu bleiben u. kommen dann meistens mit dem deutschen Pastor in Berührung, da sind manchmal so nette Menschen dabei, besonders aus den Ostsee-Provinzen habe ich einige Male vortreffliche Menschen getroffen u. kennen gelernt. Mögen Sie dasselbe erfahren!

Nun adieu! Erzählen Sie mir wieder [4 am Rd.] von ihrem Leben u. sein Sie recht herzlich gegrüßt von
[3 am Rd.] Ihrer J.Spyri

[2 am Rd.] Wollen Sie mir auch einmal die Frau Dekan u. den Herrn [1 am Rd.] Pastor freundlich grüßen.



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