Brief Nr. JS11 – 6.11.1893
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JS11 6.11.1893
Zürich 6 Nov[ember] [18]93.
Mein lieber Freund:1224Dieser Brief ist an Ernst Kappeler gerichtet, der im Winter 1893/94 als Vikar der Deutschen Gemeinde in Montreux tätig ist.schliessen

Ihr Brief hat mir eine rechte Freude gemacht, es intereßiert mich natürlich Alles sehr, was sich in Ihrer Gemeinde u. unter Ihren neuen Bekannten zuträgt, sind diese doch meistens alte Bekannte von mir u. für diese deutsche Gemeinde habe ich ja auch schon seit vielen Jahren großes Interesse.1225Ernst Kappeler ist seit kurzer Zeit Vikar der deutschen Gemeinde in Montreux.schliessen Auch jenes Fräulein von Schwebs, die Sie als tätiges Mitglied Ihrer Gemeinde kennen gelernt haben, kenne ich wohl, wir waren im Frühling dieses Jahres noch zusammen an der Hochzeit des Herrn Dr: Elsinger aus Basel: daß es mit dem Credo so gut gegangen ist, freut mich recht, auch daß Alles sonst so friedlich ver[2]läuft mit den so verschiedenen Elementen, die da zusammen wirken. Eines hätte ich aber noch gern von Ihnen gewußt, darüber sagten sie mir nichts. Nämlich ob Sie Ihren Besuch bei dem Professor1226Möglicherweise handelt es sich um Wilhelm Bender (1845-1901), Professor in Bonn; Von Vincke-Briefe Nr. 8-9 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; JS10 und JS12.schliessen ausgeführt haben u. welchen Eindruck Ihnen der Herr gemacht hat. Es würde mich wirklich intereßieren, dieß zu hören. Also in Ihrer Tätigkeit sind Sie immer noch nicht so recht im Klaren, was sie eigentlich einschließen soll. Ich glaube fast, der Herr Pastor1227Eduard Wächter (1865-1947), von 1893 bis 1896 Pfarrer der deutschen Gemeinde in Montreux. Wegen gesundheitlicher Probleme hatte er sich für die Stelle im milden Klima von Montreux beworben. Er war im gleichen Alter wie Ernst Kappeler, aber Inhaber des Pfarramts, also Vorgesetzter des Vikars Kappeler, was die Situation nicht einfach machte. Wächter stand der Erweckungsbewegung nahe und hatte darum Beziehungen zum Waadtländer Réveil. Später wurde er an die Christus-Kirche in Frankfurt berufen, trat aber 1901 aus der evangelischen Landeskirche aus und gründete die freie "Christliche Gemeinde". Er hatte grossen Predigterfolg und publizierte zahlreiche Bücher. Im Alter nahm er in bemerkenswerter Weise gegen das "Dritte Reich" Stellung; BBKL XXXI, Sp. 1419-1425; vgl. auch die Kapitel zu Montreux und zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen weiß es auch selbst nicht so recht sicher. Daß die Mutter1228Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen sich in Villa Wilhelma gemütlich fühlen würde, wenn sie wirklich im Frühjahr käme, glaube ich auch, sie fände natürlich immer gute deutsche Gesellschaft, was ihr ja doch lieber ist, als die französische. Daß Sie bei Fräulein v. Vincke1229Luise von Vincke (1833-1894), Bekannte von Johanna Spyri aus Montreux, wohnte zusammen mit ihren zwei unverheirateten Schwestern Charlotte (1830-1912) und Marie (1835-1921) in einem Chalet am Genfersee. Luise von Vincke war gelähmt. Sie starb am 12. März 1894 in Montreux; vgl. das Kapitel zu Emmy von Vincke in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; Von Vincke-Briefe in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; JS9, JS12-13, JS15, JS18, JS23.schliessen waren, hat mich recht gefreut. [3] Nicht wahr, sie bietet ein Bild des Friedens, ist auch in ihrer immer dankbaren Stimmung, trotz der Jahre langen Leiden, eine fortwährend wohlthuende Predigt für alle, die mit ihr umgehen.

Hier sende ich Ihnen mit herzlichem Dank Schaden1230Emil August von Schaden (1814-1852), Philosoph, Professor in Erlangen (vgl. Thiersch, Erinnerungen). Hier meint Johanna Spyri seine "Vorlesungen über Akademisches Leben und Studium" (1845), insbesondere die 23. Vorlesung mit dem Titel "Über die Wissenschaft der Kunst".schliessen zurück. Ich habe noch Allerlei außer der Vorlesung über die Kunst gelesen u. mit Genuß, allerdings war mir diese letzte Vorlesung besonders genußreich. Das Herrlichste am Schaden ist mir immer seine eigene ideale Persönlichkeit. Wo man an ihn herantritt, fühlt man seinen Adel in seiner Aufnahme u. seinem Wiedergeben aller Lebenserscheinungen. Gewiß hat er durch den Eindruck, den seine Persönlichkeit auf die Studierten machen mußte, das Beste für sie getan. [4] So sind Sie also immer gern in Ihrer Eglantine.1231Die "Villa Eglantine" an der Avenue du Kursaal 7 in Montreux beherbegte eine "Ecole Particulière pour Jeunes Filles et Enfants", wo Vikar Ernst Kappeler während seines Montreuxaufenthalts sowohl Deutsch unterrichtete als auch wohnte; vgl. das Kapitel zu Montreux in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen Ist denn nun der Engländer zurück gekehrt? Was ist der wohl für eine Persönlichkeit? Nach seinen Gegenständen im Zimmer zu schließen ein Kunstliebhaber u. gereister Mann. Ob er wohl von seinen Reisen erzählt? Das wäre für Sie recht kurzweilig. Sonst ist ja wohl Niemand am Tisch, als der gemütliche Hausherr mit Gattin. Ich hoffe, ich höre wieder von Ihnen u. Ihren weiteren Erlebnißen. Ich denke recht oft zu Ihnen hin in Ihrer netten Eglantine, die nun auch ein herbstliches Gewand angezogen haben wird. Der Blick aus Ihrem Fenster gegen Montreux hin u. nach den Rochers de Naye1232Gebirgszug oberhalb von Montreux (2042 m. ü. M.), seit 1892 von Glion aus mit einer Zahnradbahn erreichbar.schliessen hinauf wird aber gewiß auch im Winter schön sein. Bleiben Sie nun recht wohl! Und nur Gott befohlen!

Mit herzlichem Gruß Ihre
J. Spyri


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