Brief Nr. JS1 – 9.1.1884
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JS1 9.1.1884
Zürich 9 Jan[uar] [18]84.
Meine liebe Aline:

Diesen Augenblick bringt mein Mann1099Johann Bernhard Spyri (1821-1884), Stadtschreiber von Zürich und Ehemann von Johanna Spyri; vgl. Regine Schindler, Spurensuche, 349 und Stammbaum, 341; HBLS VI, 484.schliessen die Anzeige des Hinschieds Deines lieben Mannes.1100Hermann Kappeler (1808-1884), Oberst, Kaufmann und Verwaltungsratspräsident der Thurgauischen Hypothekenbank, Ehemann von Aline Kappeler-Wüest und Vater von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler. Hermann Kappeler starb am 8. Januar 1884 an der sogenannten "Papageienkrankheit", die sich vom Vogel auf den Mensch überträgt. Er hielt mehrere Papageien, die seine Frau nach seinem Tod töten und ausstopfen liess; Mitteilung Prof. Dr. Dietrich Kappeler, 9.2.2011.schliessen Es hat uns beide ganz übernommen. Wir haben Beide als letzte Erinnerung an den Entschlafenen einen ganz besonders freundlichen Eindruck, mein Mann von den Tagen her, die er über das Fest der gemeinnützigen Gesellschaft1101Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG). Johann Bernhard Spyri war Mitglied und langjähriger Aktuar (1853-1875) der 1810 gegründeten Gesellschaft, sein Bruder Johann Ludwig Spyri Präsident (1875-1890). Anlässlich der Jahresversammlung 1883, welche am 18. und 19. September in Frauenfeld stattfand, wird Spyri bei der Familie Kappeler gewohnt haben; Otto Hunziker/Rudolf Wachter, Geschichte der Schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft 1810-1910, 139; Walter Rickenbach, Geschichte der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft 1810-1960, 155.schliessen bei Euch zubrachte, ich von meinem letzten Besuche her, da der Herr Oberst in so freundlicher Stimmung war. Wie schnell u. unerwartet ist uns doch immer das Ende eines Lebens da, auch wenn wir noch daran denken, daß es noch sein könnte.

Die liebe Hedwig1102Hedwig Kappeler (1860-1932), Tochter von Oberst Hermann Kappeler und Aline Kappeler-Wüest. In den Jahren 1876 bis 1878 Schülerin an der Höheren Töchterschule in Zürich und Pflegetochter bei der Familie Spyri. Anschliessend verbrachte Hedwig Kappeler ein Jahr in Genf, dann ging sie als Lehrerin nach England. Später engagierte sich Hedwig Kappeler in der bürgerlichen Frauenbewegung. Johanna Spyri blieb sie bis zu deren Tod 1901 eng verbunden und unternahm mit ihr Reisen nach Deutschland und Italien.schliessen hat mir geschrieben, daß Du selbst auch noch sehr angegriffen [2] seist, wie mag es Dir nun in diesen letzten Tagen ergangen sein? Ob Du wieder aufstehen u. den guten Sterbenden noch sehen konntest? Welche schweren Tage hast Du durchmachen müssen. Da hilft uns nur Einer durch in solcher Zeit, der Herr, der Leben und Tod in seiner Hand hält u. zu dem wir uns im tiefsten Weh u. Leid wenden können, Er versteht, was wir vor keinem Menschen aussprechen können u. hat eine Antwort auf die schmerzlichsten Fragen. Der erste Wunsch meines Mannes war am Freitag den lieben Seligen mit Euch zu Grabe zu geleiten. Dann erinnerte er sich, daß er nicht fort konnte, da gerade am Freitag im großen Rath1103Johann Bernhard Spyri war zweimal Mitglied des Zürcher Kantonsrats. Hier könnte aber auch der grosse Stadtrat gemeint sein.schliessen eine Frage behandelt werden sollte, die er nicht übergehen dürfe. Er trägt mir auf, Dir besonders zu sagen, wie schmerzlich es ihm sei, daß er nicht zu dem Geleite kommen kann. Ich denke, [3] Frauen werden am Geleite nicht Theil nehmen, sonst hätte ich es mir nicht nehmen lassen, den lieben Herrn Oberst1104Hermann Kappeler (1808-1884), Oberst, Kaufmann und Verwaltungsratspräsident der Thurgauischen Hypothekenbank, Ehemann von Aline Kappeler-Wüest und Vater von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen zu seiner Ruhestätte zu begleiten. Ich habe nur Liebes u. Freundliches von ihm gehört u. empfangen, so lange ich ihn kannte, mein Andenken an Deinen lieben Mann ist ein durchaus ungetrübtes, nur Dank u. Liebe für die Gefühle, die mich erfüllen beim Andenken an den mir herzlich werthen Freund, der so viel Gutes u. Edles in seinem Wesen hatte.

Gebe Gott, daß Deine Krankheit beendet sei, oder dann sich in Bälde wende, damit Dir die Kraft werde, Allem vorzustehen, was an Anforderungen die nächsten Tage mit sich bringen werden. Ich hoffe, Hedwig ist wohl geblieben u. kann Dir recht zur Seite stehn. Vielleicht können auch die beiden andern Töchter1105Henriette Studer-Kappeler (1856-1916) und Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen Dir beistehen, [4] wo es Noth thun wird. Die liebe Natalie1106Natalie Labhardt-Wüest (1823-1904), Hedwig Kappelers Tante mütterlicherseits, Schwester von Aline Kappeler-Wüest und Witwe von Philipp Gottlieb Labhardt; vgl. Stammbaum Wüest, Materialien.schliessen wird dir ja auch zum Throst u. zur Hilfe an der Seite sein, wenn sie wohl geblieben ist.

Grüße mir die Deinen Alle recht herzlich u. mit der wärmsten Theilnahme für Deine Kinder1107Henriette Studer-Kappeler (1856-1916), Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), Hermann (1858-1931), Hedwig (1860-1932), Ernst (1865-1936) und Otto Kappeler (1869-1935); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen alle. Mein Mann sendet Dir u. Hedwig seine herzlichsten Grüße u. innige Theilnahme. Gott helfe Euch über die schweren Tage, die solchem Hinschied folgen nach innen u. aussen.

In herzlicher Liebe u. Mittrauer
Deine J. Spyri


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