Brief Nr. JS4 – 2.6.1891
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JS4 2.6.1891
Montreux 2 Juni [18]91.
Liebe Hedwig.

Nicht in Villa Serbelloni,1134Es gibt ein Hotel dieses Namens in Bellagio am Comersee. Ein Aufenthalt Johanna Spyris in Bellagio ist nicht belegt, aber wahrscheinlich - der Comersee kommt in ihren Erzählungen vor, siehe beispielsweise Johanna Spyri, Peppino, fast eine Räubergeschichte, in: Aus Nah und Fern, 1879 (lag bereits Ende 1878 vor).schliessen sondern hier in Pension Buret1135Im "Hotel Victoria - Pension Buret", Rue de la gare 23, ab 7. April 1894 "Hotel Victoria et Pension Barbier" pflegte Johanna Spyri in Montreux abzusteigen; vgl. das Kapitel zu Montreux in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen ist Dein Brief mir zugekommen u. hat mich sehr gefreut. Also bist Du nun wirklich in England u. freust Dich dessen, trotz einiger anhangender Damen, die nirgends fehlen.1136Hedwig Kappeler verbrachte offenbar den Sommer 1891 ferienhalber in England, wo sie die Familie Ehrensperger und ihren Bruder Otto besuchte. Karl Ehrensperger, ein entfernter Verwandter aus Frauenfeld, war von 1875 bis 1898 Honorarkonsul in Liverpool. Hedwig hatte während ihres längeren Englandaufenthalts in den Jahren 1879/80 anfänglich bei ihm gewohnt.schliessen Sehr bewegt hat mich das nun doch so unerwartet gekommene Ende der Tante,1137Die Verstorbene ist wahrscheinlich Maria Margaretha Aepli-Ehrensperger (1834-1891), Schwester von Karl Ehrensperger, verheiratet mit Dekan Alfred Johannes Aepli, Pfarrer in Gachnang, Mutter von Maria Ida Ernestine Aepli, der späteren Frau von Hedwigs Bruder Hermann Kappeler (s. JS5); HBLS I, 140; Matrikeledition UZH online, Nr. 532. - Die Bezeichnung "Tante" kommt wohl durch die Verwandtschaft mit Oberst Hermann Kappelers erster Frau Henriette zustande - die Verstorbene war deren Nichte; vgl. Stammbaum Henriette Kappeler, Materialien.schliessen die so viel gelitten hat. Gott sei Dank, daß kein langer Kampf noch all die Leiden beschließen sollte.

Daß Ernst1138Ernst Kappeler (1865-1936), jüngerer Bruder Hedwigs, bis 1893 Vikar im Thurgau, im Winter 1893/94 in Montreux, ab 1894 Pfarrer in Neunforn, nach dem frühen Tod seiner Frau (1905) von 1908-1931 in Zollikon. Ab 1896 verheiratet mit Marie Stephanie van Vloten (1874-1905); ZhPfrB, 372; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen draußen seine erste Predigt abgethan hat,1139Vermutlich handelt es sich um eine Probepredigt zwischen dem ersten und zweiten Examen. Ernst Kappeler stand kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung, er wurde 1891 ordiniert. Seine erste Predigt hielt er offenbar in Gachnang bei Dekan Alfred Johannes Aepli, der sozusagen zur Verwandtschaft gehörte - seine Frau war die Nichte der ersten Frau von Oberst Hermann Kappeler, seine Tochter später Ernsts Schwägerin (s. auch JS5); vgl. Stammbäume Henriette Kappeler und Kappeler, Materialien.schliessen freut mich sehr u. besonders, daß [2] es ihm so gut ging. Nun wird der Mut ihm auch wachsen zum bevorstehenden Examen.

Was wird nun Dein ferneres Beginnen sein! Bleibst du noch einige Zeit in England u. wirst Du wohl zur Rückreise Gesellschaft haben? Vielleicht die Familie Ehrensperger1140Karl Ehrensperger (1853-1898), Verwandter von Oberst Hermann Kappelers erster Frau Henriette Kappeler, von 1875 bis 1898 Honorarkonsul in Liverpool, und seine Frau Johanna De Courcy geb. Lightbody (1844-1900); Diplomatische Dokumente der Schweiz, www.dodis.ch/P20115, 25.1.2011; vgl. Stammbaum Henriette Kappeler, Materialien.schliessen selbst?

Nun muß ich dir noch einwenig von unserer Reise erzählen: Von Genf, wo Helga1141Helga Josephine Frederikke Feddersen-Kjaer (1852-1936) aus Kopenhagen, Freundin von Johanna Spyri, verheiratet seit 1890 mit Dr. Berend Wilhelm Feddersen (1832-1918), Physiker und Privatgelehrter in Leipzig; Martin Henke, Flinke Funken, 9, 45ff.; NDB V, 40f.schliessen mich traf, weil ich dort blieb, um Zeit zu haben, die kranke Tante Vaucher1142Tante von Camille Vidart. Die Familie von Camille Vidarts Grossmutter, einer frühen Frauenrechtlerin, die Camille nach dem frühen Tod der Mutter hauptsächlich erzogen hatte, hiess Vaucher; Jahrbuch der Schweizerfrauen, Bd.12, 7-11; vgl. das Kapitel zu Camille Vidart in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen ein paar Mal zu besuchen, reisten wir direkt nach Cannes hinunter, um uns Beide zu erholen, ich von einem in Genf erwischten, ungeheuren Katarrh, Helga von der Müdigkeit der Reise. [3] Dort blieben wir ein paar Wochen, denn Helga wurde so unwohl, daß wir einen Arzt kommen lassen mußten. Du kannst dir meine angenehme Lage denken. Am liebsten wollte ich wieder zurück u. hieher. Wir sind dann auch auf einigen Umwegen wieder nach Genf zurückgekehrt, wo ich meine Kranke1143Wohl die Tante von Camille Vidart, Frau Vaucher. Die Familie von Camille Vidarts Grossmutter, einer frühen Frauenrechtlerin, die Camille nach dem frühen Tod der Mutter hauptsächlich erzogen hatte, hiess Vaucher; Jahrbuch der Schweizerfrauen, Bd.12, 7-11; vgl. das Kapitel zu Camille Vidart in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen wieder besuchte u. leider recht leidend fand. Es ist wenig Hoffnung, daß sie genesen wird. Sie hat ein Nierenübel u. dazu eine Herzaffection. Dann kamen wir hierher, wo Helga sich nun gut erholt hat u. auch meine sämtlichen Katarrhe für einmal verschwunden sind.

Nächste Woche reist Helga nun heim u. ich gedenke dasselbe zu thun, doch hängt meine Rückkehr jetzt auch von Vreneli1144Vreneli Vogelsanger (1854-1931) aus dem Schaffhauser Dorf Beggingen besorgte 24 Jahre lang den Haushalt von Johanna Spyri.schliessen ab, an die [4] ich geschrieben habe, um zu hören, ob sie nun gesund ist u. ihre Geschäfte thun kann, oder ob ich noch nicht heim kann.1145"Eine neue Magd, ist ein Greuel. Eine ewige Spetterin ist ein Unding. Gar keine Magd ist das Ende aller Existenz", schreibt Johanna Spyri am 16. September 1891 an ihre Nichte (MI 31). Es war für sie - namentlich nach dem Tod ihres Sohnes und ihres Mannes - kaum denkbar, heimzukehren, ohne dass Vreneli Vogelsanger sie dort erwartet hätte; vgl. auch Briefe Johanna Spyri an Vreneli Vogelsanger, 6. Juni 1891, MI 29/1; 16. August 1891, MI 30; 25. September 1891, MI 32, und weitere.schliessen Nun erhalte ich absolut gar keine Antwort, was ich nicht begreife. So eben habe ich nun zum zweiten Mal geschrieben. So sitze ich nun voller Unsicherheit hier u. warte ab, ob ich heim kehren kann, oder nicht. Ich bin nur froh, daß ich hier in dem bekannten Hause u. nicht etwa noch in Cannes bin. Wann werden wir uns wohl wieder sehen? Vielleicht führt deine Rückreise dich nach Zürich, dann mußt Du gleich noch einen oder zwei Tage bleiben, wir haben uns dann viel zu erzählen. Unterdessen wünsche ich Dir noch recht schöne Tage in England u. bitte Dich, meine besten Grüße an Herrn Ehrensperger1146Karl Ehrensperger (1853-1898), Verwandter von Oberst Hermann Kappelers erster Frau Henriette Kappeler, von 1875 bis 1898 Honorarkonsul in Liverpool; Diplomatische Dokumente der Schweiz, www.dodis.ch/P20115, 25.1.2011; vgl. Stammbaum Henriette Kappeler, Materialien.schliessen auszurichten, [4 am Rd.] wie auch an die Fräulein Schwägerin. Auf fröhliches [3 am Rd.] Wiedersehen!

In herzlicher Liebe
deine J.Spyri


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