Brief Nr. JS35 – 17.3.1898
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JS35 17.3.1898
Zürich 17 März [18]98.
Meine liebe Hedwig!

Da stehen Deine lieblichen Frühlingsblumen, die mich heute früh überrascht haben, vor mir auf dem Tische u. erfreuen meine Augen u. mein Herz, denn sie sagen ja so verheißend: nun wird es Frühling, Frühling! O wie herrlich klingt einem das Wort ins Herz! Die Blümchen sind reizend u. erinnern ja an so viele liebliche, herrliche Frühlingszeiten, auch an die, da Du bei uns warst u. sie mit uns genossest.1393Hedwig Kappeler wohnte von Mai 1876 bis Frühjahr 1878 bei Spyris in Zürich, während sie die Höhere Töchterschule besuchte.schliessen Die Blumen sollen vor mir stehn jeden Tag, so lange sie nur aushalten. Habe vielen Dank, [2] liebe Hedwig, daß Du mir sie gesandt u. an mich gedacht hast. Wie lange hab ich nicht an Dich geschrieben u. hatte doch immer in Gedanken, es zu tun. Daß Henriette1394Henriette Studer-Kappeler (1856-1916), älteste Schwester von Hedwig. Seit 1880 verheiratet mit Theophil Studer, Professor für Zoologie in Bern; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen mich schnell besucht hat, war mir eine rechte Freude, wir konnten Vieles miteinander besprechen, ob auch die Zeit kurz war. Mich freute es, daß sie wieder nach Frauenfeld zurück kehrte, gewiß hat es der Mutter1395Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen wohl getan u. Du hast auch Freude gehabt.

Nun weiß ich nicht, bist Du noch in Neunforn,1396Gemeinde im Kanton Thurgau, in welcher Ernst Kappeler 1894 zum Pfarrer gewählt wird und fortan wohnt, ab 1896 zusammen mit seiner Frau Marie Stephanie van Vloten (1874-1905).schliessen oder wieder daheim, Du sagst mir nicht, wie lange Du fort bleiben wolltest. Jedenfalls grüße mir nun herzlich Deinen Bruder Ernst1397Ernst Kappeler (1865-1936), jüngerer Bruder Hedwigs, bis 1893 Vikar im Thurgau, im Winter 1893/94 in Montreux, ab 1894 Pfarrer in Neunforn, nach dem frühen Tod seiner Frau (1905) von 1908-1931 in Zollikon. Seit 1896 verheiratet mit Marie Stephanie van Vloten; ZhPfrB, 372; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen u. seine liebe Frau1398Marie Stephanie van Vloten (1874-1905), Ehefrau von Ernst Kappeler; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen u. sage ihnen, daß ich mich mit Ihnen der schönen Erwartung freue, der [3] sie entgegen sehen. Ich war sehr überrascht, Du hast mir nie ein Wort darüber gesagt, Deine Mutter auch nicht. Möge Alles recht gut u. glücklich vorüber gehen u. die jungen Eltern sich an einem gesunden, frischen Kindlein1399Franz Hermann Kappeler (1898-1988), der erste Sohn von Ernst und Marie Stephanie Kappeler-van Vloten, wurde am 7. April 1898 geboren. Dr. iur., ab 1926 Mitarbeiter des Eidgenössischen Politischen Departements (heute EDA), 1936 Legationssekretär, 1939 Legationsrat, bis 1944 Mitarbeiter des Schweizer Ministers Frölicher in Berlin; Paul Widmer, Die Schweizer Gesandtschaft in Berlin, 184-186. - Später Berufung nach Beirut und als Minister und Botschafter nach Südafrika; HLS VII, 90.schliessen erfreuen können. Dann wirst Du Dich freilich nicht teilen können u. Deiner kleinen Alice1400Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen u. dem neuen kleinen Erdenbewohner Deine Pflege zugleich zu Teil werden lassen können, wie wird sich das machen? Auch jetzt hat also Jemand anders die Kleine1401Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen zu Haus in ihre Pflege nehmen müssen, die Mutter1402Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen könnte das wohl kaum unternehmen. Mich nimmt wunder, wem Du das Kindlein anvertraut hast.

Wirst Du wohl bald heim kehren, oder solltest Du schon heim gekehrt sein? Meinen Brief sende ich nun doch nach [4] Neunforn,1403Gemeinde im Kanton Thurgau, in welcher Ernst Kappeler 1894 zum Pfarrer gewählt wird und fortan wohnt, ab 1896 zusammen mit seiner Frau Marie Stephanie van Vloten (1874-1905).schliessen erhalten wirst Du ihn ja jedenfalls da oder dort.

Diese u. die nächste Woche habe ich nun noch sehr viel zu tun: Am 28ten u. 29 haben wir unsern Bazar für Friedheim1404Das 1847 auf Initiative des Zürcher Staatsanwalts Johann David Rahn (1811-1853) als "Rettungsanstalt" für heimatlose Kinder gegründete Friedheim in Bubikon, für welches sich bereits Johanna Spyris Mutter Meta Heusser-Schweizer engagierte. Johanna Spyri wirkte jahrelang an der Spitze des "Damencomités", welches sich um die Aussteuer der austretenden Zöglinge kümmerte, Kinderkleider nähte oder strickte und Bazare zu Gunsten des Friedheims veranstaltete. Die Anstalt existiert bis heute als Sonderschulheim Friedheim; [Diethelm Hofmeister], Die zürcherische Rettungsanstalt Friedheim bei Bubikon; Hundert Jahre Friedheim; Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer, 257f.; www.friedheim.ch, 25.1.2011. Zu Johanna Spyris Aktivitäten für das Friedheim vgl. EK71, JS25, JS50, JS52, Von Vincke-Briefe 15 in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe, sowie Johanna Spyri an Karl Ulrich, 28. Mai 1888, MI 14.schliessen abzuhalten, das sind dann zwei vollständig besetzte Tage, von Morgens 8 bis Abends 7 Uhr u. vorher eben alle Anordnungen dazu fertig zu bringen. Denk doch, daß ich noch nie an Louise Fetsch[erin]1405Luise Tramèr-Fetscherin (1859-1951), Tochter von Rudolf Friedrich Fetscherin (1829-1892), 1859 Sekundärarzt in der psychiatrischen Klinik Waldau in Bern, von 1875 bis 1889 Direktor der psychiatrischen Klinik St. Urban; HLS IV, 487. - Luise besuchte im Wintersemester 1876/77 die Höhere Töchterschule in Zürich und wohnte damals zusammen mit Hedwig Kappeler als Pflegetochter bei Johanna Spyri. 1883 heiratete sie den Arzt Domenico Curo Tramèr. Das Ehepaar lebte ab 1886 in Basel und hatte fünf Kinder; Mitteilung Andreas Barth, Staatsarchiv Basel-Stadt, 4. Juni 2009. - 1908 erschien "Heidi, ein Kinderschauspiel in 3 Akten. Nach der Erzählung von Johanna Spyri bearbeitet" von Luise Fetscherin. Ob es von der Mutter oder der Tochter, die beide den selben Vornamen trugen, stammt, ist ungeklärt.schliessen geschrieben habe, ich kam nicht dazu, immer liegt wieder etwas vor. Frau Dr. Fetscherin1406Eugenie Luise Fetscherin-Fueter, Witwe von Rudolf Friedrich Fetscherin und Mutter von Luise Fetscherin.schliessen hat 4-5 Tage hier zugebracht, sie logiert immer bei Frau Gödeke, die einen Sohn in der Anstalt St. Urban hatte, morgen reist nun Frau Dr. Fetsh: [Fetscherin] wieder nach Basel. Sie hat viel Freude an den Kindern1407Luise Tramèr-Fetscherin hatte 5 Kinder: Fritz Curo (geb. 1884), Louise Ursula (geb. 1888), Rudolf (geb. 1891), Fritz (geb. 1892), Verena (geb. 1897); Mitteilung Andreas Barth, Staatsarchiv Basel-Stadt, 4. Juni 2009.schliessen von Louise.1408Luise Tramèr-Fetscherin (1859-1951), Tochter von Rudolf Friedrich Fetscherin (1829-1892), 1859 Sekundärarzt in der psychiatrischen Klinik Waldau in Bern, von 1875 bis 1889 Direktor der psychiatrischen Klinik St. Urban; HLS IV, 487. - Luise besuchte im Wintersemester 1876/77 die Höhere Töchterschule in Zürich und wohnte damals zusammen mit Hedwig Kappeler als Pflegetochter bei Johanna Spyri. 1883 heiratete sie den Arzt Domenico Curo Tramèr. Das Ehepaar lebte ab 1886 in Basel und hatte fünf Kinder; Mitteilung Andreas Barth, Staatsarchiv Basel-Stadt, 4. Juni 2009. - 1908 erschien "Heidi, ein Kinderschauspiel in 3 Akten. Nach der Erzählung von Johanna Spyri bearbeitet" von Luise Fetscherin. Ob es von der Mutter oder der Tochter, die beide den selben Vornamen trugen, stammt, ist ungeklärt.schliessen

Nun adieu, liebe Hedwig u. auf Wiedersehen, wann u. wo es auch sei! In alter Liebe
Deine J. Spyri


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