Dein Brief, den ich heute erhielt, hat mich recht herzlich gefreut. Wenn alle meine Gedanken, die zu Euch gingen, seit ich bei Euch war, zu Briefen geworden wären, Du hättest ganze Haufen solcher vor Dir. Wirklich mußte ich bei Allem u. immer wieder an Alles denken, das Ihr durchgemacht u. ja noch immer durchmachen müßt. Ich bin so erfreut, nun wieder Nachricht zu haben, u. doch denken zu können, daß die liebe Mutter1376Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen auch wieder die rechte Ruhe findet. Ja Rätsel gibt es große u. schwere im Leben, nur der Glaube hilft durch, sonst müßten wir verzagen u. um den Glauben müssen wir immer wieder beten, denn [2] fest zu bleiben in Vertrauen u. Zuversicht auf Gottes liebevolle Führung in allen Schickungen ist nicht so leicht in solchen Zeiten des Leides.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Du einmal nach Zürich kommen könntest, daß Du mir so recht sagen könntest, wie Alles steht u. wie es Dir innerlich u. äußerlich ergeht. Nur so 1-2 Tage könntest Du Dich vielleicht einmal los machen. Ich weiß das ja freilich nicht so recht, das weißt Du besser, nur daß Dein Besuch mir immer herzlich willkommen wäre. Das Gedicht unserer Mutter1377Meta Heusser-Schweizer (1797-1876), Arztfrau und Schriftstellerin, Mutter von Johanna Spyri; vgl. Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer.schliessen ist aus früher Zeit, sie hat es nicht unter die zu druckenden aufgenommen, wie fast keine so persönlich an Jemand gerichteten. Ich weiß nicht, wer der Freund war, sichtlich ein junger Pfarrer, der gewiß schon lang nicht mehr lebt. Ich glaube, es war einer ihrer St. Galler-Freunde,1378Die mit der Hirzler Pfarrfamilie Schweizer eng befreundete St. Galler Familie Schlatter-Bernet spielte für Johanna Spyris Mutter Meta Heusser-Schweizer eine wichtige Rolle. Anna Schlatter-Bernet (1773-1826) war für die junge Meta eine mütterliche Freundin und mit deren Töchtern pflegte sie eine lebenslange Freundschaft und Korrespondenz. Neben anderen jungen Pfarrern wird Anna Schlatter-Bernets Sohn Caspar Schlatter (1796-1862) in den "Memorabilien" von Meta Heusser speziell erwähnt und sogar mit einem Kosenamen bedacht; Regine Schindler, Die Memorabilien der Meta Heusser-Schweizer, 189f. und Stammbaum Schlatter-Bernet, Beilage.schliessen das Origi[3]nal muß in den Händen Jener sein, Sutermeister1379Paul Sutermeister (1864-1905), von 1889 bis 1898 Pfarrer in Walzenhausen, dann Redaktor beim Berner Tagblatt, publizierte mehrere Artikel über Johanna Spyris Mutter sowie eine Biographie mit dem Titel "Meta Heusser-Schweizer. Lebensbild einer christlichen Dichterin" (1898); HBLS VI, 620.schliessen hatte es auch gekannt von dorther.
Wenn nun nur auch Georg1380Georg Brügger (1883-1901), Sohn von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger, wohnhaft in Frauenfeld. Stirbt am 8. März 1901 an einem Herzleiden; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen wohl bleibt, daß er nicht die Lage der Dinge noch mehr erschwert, wer könnte ihn noch besorgen! Das Kindlein1381Alice Brügger (1896-1988), Tochter von Ernestine Brügger-Kappeler und Friedrich Benedikt Brügger. Später studierte sie romanische Sprachen an der Universität Zürich (Doktorat) und wurde Lehrerin für Deutsch und Französisch an der Höheren Handelsschule in Zürich. Sie engagierte sich im Internationalen Zivildienst und trat 1934 zu den Quäkern über, wo ihr dank ihrer Sprachkompetenz eine integrative Rolle zukam. Später besuchte sie in Indien Anhänger Gandhis und dortige Quäker und übernahm administrative Aufgaben bei den schweizerischen Quäkern; HLS II, 736; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen wird ja doch unmöglich dem Vater1382Friedrich Benedikt Brügger (geb. 1856), Sohn des Kurarztes von St. Moritz, Dr. Johann Georg Brügger und Bürger von Churwalden. Seit 1883 verheiratet mit Ernestine Kappeler und wohnhaft in Frauenfeld. Besitzer einer Trikot-Manufaktur; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen abgegeben werden können bevor eine Person gefunden ist, die es besorgen kann das muß er doch einsehen. Sonst finde ich es recht von ihm, daß er seine Kinder1383Georg (geb. 1883), Elisabeth Fanny (geb. 1886) und Alice Brügger (geb. 1896); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen bei sich zu haben wünscht, wenn es nur leichter wäre, als es ist, die rechte Person an eine solche Stelle zu finden u. auch den Vater dahin zu bringen, daß er überhaupt nur eine haben will. Ich hoffe nun doch auf ein Wiedersehen. Wenn es auch nur kurz sein sollte. Herzlichste Grüße der lieben Mutter u. auch an Otto.1384Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954); vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen Wie gern fügte ich noch, wie sonst immer u. herzlich [4] lebendig, nicht aus Gewohnheit, auch an die liebe Ernestine!1385Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), ältere Schwester Hedwigs. Seit 1883 verheiratet mit Friedrich Benedikt Brügger, Bürger von Churwalden. Sie starb am 14. Oktober 1897 an einer Bronchitis mit Lungenentzündung; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen
Lebwohl, liebe Hedwig, u. sei recht herzlich gegrüßt von Deiner