Gestern Nacht von Montreux heimgekehrt, sah ich gleich nach den jüngsten Briefen, die mir nicht mehr nachgeschickt worden waren u. sah Deine Handschrift mit schwarzem Rand. Ich machte schnell auf u. kann Dir nicht sagen, wie mich die Nachricht übernommen hat, die ich da las. Ich hatte ja keine Ahnung. Ich danke Dir herzlich, daß Du mir noch ein Wort geschrieben hast, nur die gedruckte Anzeige zu lesen, die daneben lag, hätte mir einen zu schrecklichen Eindruck gemacht. Ich kann auch fast nicht schreiben. Wie wird es der armen Mutter1371Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen zu Mute sein! Gewiß sobald ich denken kann, daß sie es erträgt, komme ich einmal auf [2] ein paar Stunden hinaus, ich weiß ja, was sie durchzumachen hat. Ich will heute - es ist ja Montag geworden, da gestern die Familie1372Die Familie von Johanna Spyris ältester Schwester Anna Elisabetha Dorothea (Netti) Ulrich-Heusser (1825-1907). Ihr Mann Friedrich Salomon Ulrich (1821-1899) und ihre Kinder Franz Theodor (1855-1910), Paul Gustav (1856-1935), Karl Ferdinand (1859-1918) und Anna Luise (1866-1920). Zu ihrer Nichte Anna hatte Johanna Spyri eine besonders freundschaftliche Beziehung.schliessen im Selnau1373Quartier von Zürich, ca. 1 km südlich des Hauptbahnhofs, zwischen Schanzengraben u. linksufriger Zürichseebahn. Gehörte seit 1853 zur Stadt, befand sich aber ausserhalb der alten Stadtbefestigung. Kommt bei Johanna Spyri immer wieder als Wohnort ihrer Schwester Anna Ulrich-Heusser, genannt "Netti", vor. Sie wohnt an der Brandschenkestrasse 1, später Gartenstrasse 38, Enge.schliessen kam u. ich meinen Brief nicht enden konnte, Dir den kleinen Anfang aber nicht schicken wollte - zu Deinem Bruder u. Schwägerin1374Hermann und Maria Ida Ernestine Kappeler-Aepli wohnten damals in Zürich, Hornergasse 13; Zürcher Adressbuch 1897; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen gehn, daß ich noch etwas vom Kranksein u. Hinschied der lieben Ernestine1375Ernestine Brügger-Kappeler (1857-1897), ältere Schwester Hedwigs. Seit 1883 verheiratet mit Friedrich Benedikt Brügger, Bürger von Churwalden. Sie starb am 14. Oktober 1897 an einer Bronchitis mit Lungenentzündung; vgl. Stammbaum Kappeler, Materialien.schliessen höre. Ich kann es nicht fassen, daß sie nicht mehr hier sein soll, wie gesund lebenswohl sah sie doch aus, als ich sie das letzte Mal sah! Sage der Mutter, ich denke immerfort an sie u. wie ihr sein muß, es gibt nur Eine Hilfe, nur Eine Zuflucht, daß wir nicht versinken in solchem Leid. Grüße sie herzlichst.
In Liebe u. tiefster Teilnahme u. Mit Euch in Leiden Deine