Es ist lustig, wie wir öfter lange Pausen haben u. dann mit einem Mal eine ununterbrochene Reihe von Briefen los schreiben. Aber ich sehe nicht ein, warum ich in's Selnau1119Quartier von Zürich, ca. 1 km südlich des Hauptbahnhofs, zwischen Schanzengraben und linksufriger Zürichseebahn. Gehörte seit 1853 zur Stadt, befand sich aber ausserhalb der alten Stadtbefestigung. Kommt bei Johanna Spyri immer wieder als Wohnort ihrer Schwester Anna Ulrich-Heusser, genannt "Netti", vor. Hedwig Kappelers Cousine Hermine Jänike-Labhardt wohnte an der Gartenstrasse 36, die eigentlich zur Gemeinde Enge (eingemeindet 1893) gehörte, aber an der Grenze zum Selnau liegt; Adressbuch 1891; BB 1892, 154.schliessen rennen soll, um die Adreße abzugeben u. nicht lieber dir gleich einige Worte schreibe. Willst du also Hermine1120Hermine Jänike-Labhardt (geb. 1853), Hedwig Kappelers Cousine mütterlicherseits, Tochter von Natalie Labhardt-Wüest. Seit 1878 mit Konrad Gottlieb Wilhelm Jänike verheiratet; vgl. Stammbaum Wüest, Materialien.schliessen mit meinen freundlichen Grüßen sagen, die Frau Legler,1121Elise Legler-Studer von Thun (geb. 1859), seit 1887 Witwe des Fabrikbesitzers Jakob Legler von Diesbach (Kanton Glarus); BB 1889, Niedergelassene, 266.schliessen um die es sich handelt, wohne Bahnhofstrasse 73, ein Haus, wo Doctor [2] Mende1122Theophil Mende (1853-1921), Dr. med., Arzt in Zürich, Homöopath; HBLS V, 75; BB 1889, Niedergelassene, 293; Zürcher Adressbuch 1891; Matrikeledition UZH online, Nr. 4013.schliessen wohnt. Ihr Mann war aus Glarus, kam als Geschäftsmann nach Griechenland, Patras, fand dort seine Frau, deren Vater auch ein Schweizer war, die Mutter Griechin. Dann kamen sie nach der Schweiz, da starb der Mann, recht jung, denn Frau Legler ist noch eine junge Frau. Sie ist sehr nett u. vernünftig erzieht ihr Kind gut u. sorgsam. Ihre Mutter lebt nun mit ihr. Ich dachte gleich, es könnte Hermine passen, da die Kinder beide zart sind u. geschont werden müssen. Es paßt auch ganz gut, daß die [3] kleine Lydia1123Lydia Legler (geb. 1882), Tochter von Elise Legler-Studer; BB 1889, Niedergelassene, 266.schliessen nun ihre Stunden recht allein nehmen soll, sie hat bisher meistens französisch gelernt u. hat wohl einiges nachzuholen. Will Hermine mit Frau Legler sich besprechen so soll sie nur meinen Namen gebrauchen u. sagen, sie sei die Dame, von der ich gesprochen habe, u. gesagt, ich werde mit ihr reden. Sollte Gertrud1124Gertrud Jänike (geb. 1884), Tochter von Hedwig Kappelers Cousine mütterlicherseits, Hermine Jänike-Labhardt, und Konrad Gottlieb Wilhelm Jänike; BB 1889, 240; vgl. Stammbaum Wüest, Materialien.schliessen nicht kräftig genug für die Schule sein, so glaube ich, Hermine würde gut fahren mit dieser Frau Legler. Sie selbst, wie auch ihre Mutter, sind sehr nette Leute.
Nach England weiß ich dir immer noch keine Reisegesellschaft.1125Hedwig Kappeler verbrachte offenbar den Sommer 1891 ferienhalber in England, wo sie die Familie Ehrensperger und ihren Bruder Otto besuchte. Karl Ehrensperger, ein entfernter Verwandter aus Frauenfeld, war von 1875 bis 1898 Honorarkonsul in Liverpool. Hedwig hatte während ihres längeren Englandaufenthalts in den Jahren 1879/80 anfänglich bei ihm gewohnt.schliessen [4] Ich erwarte nun stündlich eine Depesche von Frl. Vidart,1126Camille Vidart (1854-1930), Französischlehrerin an der Höheren Töchterschule in Zürich von 1880 bis 1883, später in Lausanne. Übersetzerin von "Heidi" sowie weiterer Werke von Johanna Spyri ins Französische. Camille Vidart engagierte sich intensiv für die feministische Frauenbewegung, 1896 war sie Präsidentin des ersten "Kongresses für Fraueninteressen" in Genf. Mit Johanna Spyri, die sie oft von Montreux aus besuchte, verband sie lange Jahre eine enge Freundschaft; vgl. das Kapitel zu Camille Vidart in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe; Denise von Stockar-Bridel, Les débuts de Heidi.schliessen ob es der Tante1127Frau Vaucher, Tante von Camille Vidart. Die Familie von Camille Vidarts Grossmutter, einer frühen Frauenrechtlerin, die Camille nach dem frühen Tod der Mutter hauptsächlich erzogen hatte, hiess Vaucher; Jahrbuch der Schweizerfrauen, Bd. 12, 7-11; vgl. das Kapitel zu Camille Vidart in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen gut genug geht, daß ich wirklich kommen soll oder vielleicht lieber am Schluß des Aufenthalts von Helga.1128Helga Josephine Frederikke Feddersen-Kjaer (1852-1936) aus Kopenhagen, Freundin von Johanna Spyri, verheiratet seit 1890 mit Dr. Berend Wilhelm Feddersen (1832-1918), Physiker und Privatgelehrter in Leipzig; Martin Henke, Flinke Funken, 9, 45ff.; NDB V, 40f.schliessen In diesem Fall bliebe ich noch hier, Helga erwartet mich am 11. Apr[il] in Lausanne. Geht es Tante Vaucher1129Tante von Camille Vidart. Die Familie von Camille Vidarts Grossmutter, einer frühen Frauenrechtlerin, die Camille nach dem frühen Tod der Mutter hauptsächlich erzogen hatte, hiess Vaucher; Jahrbuch der Schweizerfrauen, Bd.12, 7-11; vgl. das Kapitel zu Camille Vidart in: Regine Schindler, Johanna Spyri. Neue Entdeckungen und unbekannte Briefe.schliessen so, daß sie meinen Besuch wünscht, so reiste ich am Donnerstag. Wie schade, daß ich dich nicht begleiten kann. Schon längst sollte ich drüben meine Freundin Mathilde1130Mathilde Füssli (geb. 1844), Freundin von Johanna Spyri. Nach dem frühen Tod der Eltern lebten sie und ihre zwei Geschwister vorerst in Adelaide (Südaustralien), dann wohnte Mathilde eine Zeitlang bei ihrer Grossmutter Regula Horner, verwitwete Füssli, in Zürich. Mathilde Füsslis Bruder Johann Heinrich lebte seit den späten 1860er Jahren in Liverpool, ihre Schwester Johanna in London. Am 9. September 1871 heiratete Mathilde Füssli und lebte offenbar wie ihre Geschwister in England; BB 1825-1868; Brief Johanna Spyri an Bertha von Orelli, 10. September 1871. - Mathilde Füssli wird in einem weiteren Brief erwähnt; Johanna Spyri an Betsy Meyer, 5. August 1867, Ms. CFM 398.19/19, in: Johanna Spyri und ihr Werk, 242.schliessen besuchen, aber ich komme nicht dazu. Herzlich glückliche Reise für dich! Unsere Correspondenz wird ja wohl pausieren, bis du wieder kommst. [4 am Rd.] Grüße mir unser Strassburg.1131Hedwig Kappeler war im Jahr 1877 mit dem Ehepaar Spyri und deren Sohn Bernhard vom 8. bis am 10. September in Strassburg (s. Brief HK29).schliessen Wie war es so nett! [3 am Rd.] trotz aller Unmöglichkeit rechter Unterhaltung nach [2 am Rd.] außen. - Wie leid thut mir die Mutter.1132Aline Kappeler-Wüest (1829-1923), zweite Ehefrau von Oberst Hermann Kappeler und Mutter von Henriette, Ernestine, Hermann, Hedwig, Ernst und Otto Kappeler; vgl. Stammbäume Wüest und Kappeler, Materialien.schliessen Grüße sie [1 am Rd.] herzlich mit den besten Wünschen zur Genesung.
Grüß mir dann auch den Odo,1133Wahrscheinlich ist hier Otto Kappeler (1869-1935), Hedwigs jüngster Bruder, gemeint. Ab 1901 verheiratet mit Marie Pauline Stierlin (1877-1954). Otto hielt sich damals offenbar in England auf, vermutlich bei der Familie Ehrensperger. Karl Ehrensperger, ein entfernter Verwandter aus Frauenfeld, war von 1875 bis 1898 Honorarkonsul in Liverpool (vgl. JS5).schliessen dich u. Alle herzlich grüßend